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Januar 2018

 

16. Januar 2018 | 0 Kommentare

Höchst abwechslungsreich: Sir Simon Rattle mit dem London Symphonic Orchestra in der Elbphilharmonie

Ein spannendes Programm für ein bemerkenswertes Debüt: Am 15. Januar 2018 gastierte Sir Simon Rattle zum ersten Mal nicht mit den Berliner Philharmonikern, sondern mit dem Orchester in der Elbphilharmonie, dessen Chefdirigent er werden wird, wenn er den Berliner Philharmonikern nach dieser Spielzeit Adieu gesagt haben wird. Zudem hatte er noch seine Frau dabei: die Mezzosopranistin Magdalena Kozena. Und ein abwechslungsreiches Programm. 

Magdalena Kozena und ihr Mann, Sir Simon Rattle beim Applaus vor der Pause.

Los ging’s mit Schuberts Sinfonie Nr. 7 h-Moll, der „Unvollendeten“. Ein grandioser Einstand: Die Londoner, vor allem die Streicher, spielten die beiden Sätze vor allem in den Piano-Passagen mit einer so großen Zärtlichkeit, als wollten sie jeden Ton einzeln liebkosen. Genausogut konnten sie jedoch in den kraftvollen Passagen auftrumpfen – um sogleich wieder im Piano ihren Zauber zu entwickeln. So magisch hatte ich dieses bekannte Werk noch nie gehört. 

Danach Auftritt Kozena zum ersten: die fünf Rückert-Lieder von Gustav Mahler. Das Orchester – kräftig aufgestockt beim Blech – entfaltet jetzt ganz andere Klangfarben. Und Kozena singt diese Lieder durchaus berückend und tonsicher, allerdings mit dem Nachteil, dass sie das immer nur in eine Richtung tut. Im Großen Saal profitieren davon alle, die ihr gegenübersitzen. Aber der Weinberg-Saal ist eben ein Weinberg und rundum mit Sitzen bestückt – und alle, die im Rücken der Sängerin sitzen, dürften hier doch einen eher eingeschränkten Hörgenuss gehabt haben. Dabei haben Sängerinnen wie Cecilia Bartoli bereits vorgemacht, wie man so einen Raum besingen muss – immer mal wieder im Kreis. So haben alle etwas davon. Kozena hat das schon bei ihrem Auftritt im Oktober 2017 mit spanischer Barockmusik und Flamenco nicht gemacht. Schade, dass sie daraus nicht gelernt hat. 

Das London Philharmonic Orchestra mit seinem künftigen Chefdirigenten.

In der Pause haben die Orchesterwarte alle Hände voll zu tun, der Kreis der Musiker wird deutlich reduziert, und sie müssen Platz schaffen für das Cembalo. Der Steinway wird ins Lager geschoben, die Harfe eingepackt, das Dirigentenpodest entfernt. Dafür bekommt die Windmaschine einen guten Platz. Und Kozena singt nach der Pause nicht mehr vorne an der Rampe, sondern steht – jetzt in üppige grüne Seide gewandet – erhöht am hinteren Rand der Bühnenmitte. Auf dem Programm: Händel-Arien. Was für ein Erblühen dieser Stimme, wie viel Leid, aber auch wie viel Freud’!  Sir Simon dirigiert inmitten seiner Musiker, ohne Dirigierstab, mit umso aussagekräftigeren Händen. Manchmal hat man das Gefühl, als stehe er in seinem Wohnzimmer und kommuniziere mit musizierenden Freunden. Der Große Saal kann eben nicht nur groß und voluminös, sondern er kann auch eine fast intime Dichte entstehen lassen zwischen Publikum und Orchester. 

Sir Simon inmitten seiner Musiker.

Grandios dann der Rausschmeißer: die von Simon Rattle selbst arrangierte Suite aus einem Schmachtfetzen von Oper: „Les Boréades“ von Jean-Philippe Rameau. Dafür bekamen die Holzbläser Verstärkung, und jetzt weiß man auch, wofür die Windmaschine benötigt wurde: In einem der Sätze bläst ein kräftiger Nordwind – so hat es der Komponist vorgesehen, denn Boreas ist der Gott der Nordwinde. Zum Glück muss man sich nicht näher mit der doch recht seichten Story dieser Oper befassen – die Musik genügt. Und die ist mal folkloristisch, mal tänzerisch, mal schräge. Was Sir Simon dazu veranlasste, einen der Sätze zweimal zu spielen – nicht ohne den Grund dafür dem Publikum persönlich anzusagen: „Dieser Satz klingt, als hätten wir uns zu Strawinsky verlaufen... Es ist aber Rameau!“ Am effektvollsten natürlich der letzte Satz, lustvoll und mit viel Schmiss zelebriert. 

Alles in allem ein höchst abwechslungsreicher Abend – man darf gespannt sein auf das, was Sir Simon mit seinen Londonern sonst noch so vorhat. 

Fotos: Daniel Dittus

 

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Juni 2017

 

15. Juni 2017 | 0 Kommentare

Volle Dröhnung Percussion

Martin Grubinger und seine Combo mit "The Century of Percussion" in der Elbphilharmonie

Schon als man am 12. Juni den Großen Saal der Elbphilharmonie betrat, war klar: Heute Abend geht hier die Post ab. Die gesamte Bühne steht voller Schlagwerk: von Kochtöpfen und Blechdeckeln über Gongs, Glocken und Pauken bis zu Hangs, Bongos, Marimba- und Vibrafon und natürlich jegliche Art von Trommeln ist hier alles vertreten, worauf man klopfen, trommeln, schlagen kann. 200 Instrumente insgesamt, so erfährt man, sind hier aufgebaut. Sowas fährt nur einer auf: Martin Grubinger. Dieses Mal ist er mitsamt dem Papa, der ebenfalls Schlagzeug spielt, sechs weiteren Percussionisten und acht zusätzlichen Musikern (Trompete, Posaune, Saxophon/Klarinette, E-Bass, Gitarre, Keyboard, Klavier) in die Hansestadt gekommen. Phantastische Musiker allesamt. 

Rund 200 Instrumente stehen für diese Reise durch 100 Jahre Schlagwerk auf der Bühne!

Martin Grubinger senior hat für diese Tournee, mit der die Gruppe derzeit tourt, eine vierteilige Suite komponiert: "The Century of Percussion". Teil 1 "Archaic Rituals" widmet sich den Ursprüngen des modernen Schlagzeugs, dem vor allem ein Werk zum Durchbruch verholfen hat: "Le Sacre du Printemps" von Igor Strawinsky. Dessen eindringliche Rhythmen wiesen dem Schlagwerk in der Musik einen ganz neuen Platz zu und plötzlich eine Hauptrolle neben den Streichern und Bläsern. Mit diesem Werk hatte Strawinsky schlagartig die Moderne eingeläutet. Neoklassik und Spätromantik waren plötzlich nur noch gestrig. 

Teil 2 "Pump up the Rhythm" feiert dann den Rhythmus als Quelle jeglicher Musik, und ganz besonders des Schlagwerks in allen Variationen und Formen. Teil 3 "Minimal Experiences" spielt mit den Prinzien der Minimal Music, während dann Teil 4 "Percussive Trains" mit Volldampf nochmal alle Register zieht, die beim Schlagwerk so möglich sind.

Furioses Finale: Drei Schlagzeuger (v.l.n.r. Alexander Georgiev, Martin Grubinger jun., Rainer Furthner) lassen synchron die neongrünen Schlegel wirbeln und vollführen dabei auch noch allerlei Kunststückchen. Fingerfertigkeit vom Feinsten! 

Es ist ein zweieinhalbstündiges (ohne Pause!) Feuerwerk an Polyrhythmik und -harmonik, dass man schon allein vom Zuhören ganz besoffen wird. Wie diese Musiker die aberwitzigen Variationen der Rhythmik meistern, die Martin Grubinger senior ihnen da zumutet, das ist ganz große Kunst. Wie sensibel er die Kontraste setzt, von den zarten ersten Tönen des "Sacre" bis zu wuchtigen Trommelschlägen oder den meisterhaft aufspielenden Bläsern, die nicht nur einmal den Eindruck erwecken, man habe eine ganze Bigband vor sich. Die wunderbar platzierten Soli, zum Beispiel des Marokkaners Rhani Krija auf arabischen Bechertrommeln oder des Brasilianers Luis Ribeiro mit dem einsaitigen Berimbau, dessen raue Klänge sich mühelos bis unters Dach entfalten, oder auch die von allen gemeinsam gesungenen aztekischen und afrikanischen Volksweisen – das ist Hörgenuss pur. Vom Sound eines leise plätschernden Bächleins bis zu wuchtigen Klang-Tsunamis ist hier alles dabei. Es ist, wie Grubinger sen. bereits in seinen einführenden Worten so treffend ankündigte, "total schräg, total spannend und als pure Energie auf der Haut fühlbar". Kurzum: volle Dröhnung Percussion! 

Und als sei's damit noch nicht genug, zeigt Martin Grubinger im Finale nochmal, was er so in den Fingern und Handgelenken hat, wenn er ganz allein die Trommel rührt, zuerst zart und verhalten, um sich dann, ohne auch nur einmal den Rhythmus zu verlieren, im Tempo bis zu einem rasenden Wirbel zu beschleunigen – atemberaubend! 

Martin Grubinger junior (ganz rechts) und senior (3. von rechts) mit ihrer grandiosen Combo beim Schlussapplaus. 

Bleibt nur zu wünschen, dass irgendeine dieser Live-Performances auf DVD aufzeichnet wird – denn dieser Parforceritt durch ein Jahrhundert Percussion sollte dann doch für die Ewigkeit festgeshalten werden. 

Fotos: Elbphilharmonie, Carola Höhne

 

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