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FrolleinDoktor

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April 2019

 

23. April 2019 |

Zwei venezianische Konzerte zu Ostern

Zwei Konzerte im Rahmen des "Osterfestivals Venedig" in der Elbphilharmonie 

 

"Der Klang von San Marco"

Dieses Konzert am Karfreitag war eine Remineszenz an den besonderen Klang des Markusdoms, in dem die Mehrchörigkeit ihren Anfang nahm: Musiker und Chöre spielen und singen von den Emporen des Domes herab, wodurch ein sehr spezieller Raumklang entsteht. Mit ihrem Weinberg-Saal bietet die Elbphilharmonie ähnliche Voraussetzungen, um Chöre und Musiker an verschiedenen Stellen im Saal und vor allem in verschiedenen Höhen zu positionieren, um so spezielle Klangeffekte hervorzurufen. Als Chor war das Vocalconsort Berlin zu Gast, das noch vor Beginn der eigentlichen Eröffnung zusammen mit Sasha Waltz mit "Figure Humaine" von César Franck die Foyers der Elbphilharmonie bespielt hatte (siehe die Besprechung bei tanznetz.de vom 2.1.2017). Mit dem Ensemble Capella de la Torre waren ausgewiesene Spezialisten für Musik der frühen Neuzeit geladen. 

Die Programmzusammenstellung versprach einen besonderen Spannungsbogen von Musik der Renaissance bis zu Luigi Nono. Für das Raumkonzept war eigens Ilka Seifert engagiert worden, die schon mehrfach installative Konzertformate erarbeitet hatte. 

Musikalisch war dieser Abend rundum ein Genuss – bestechend vor allem das extrem anspruchsvolle "Sarà dolce talcere" von Luigi Nono für acht Stimmen a capella. Sieben Chormitglieder brauchten dafür immer wieder ihre Stimmgabel, um den richtigen Ton zu treffen. Eine Sängerin konnte jedoch offenbar darauf verzichten – phänomenal! Sehr tänzerisch die Motetten und Madrigalen von Giovanni Gabrieli (1557-1621), lustvoll gesungen und musiziert von den beiden Ensembles. 

Nur der erwartete Raumklang stellte sich leider nicht ein. Zwar erklangen die Schalmeien einmal aus der zweiten Ebene, auch war ein Teil des Chores in der ersten Ebene des Saales positioniert – so richtig ausgenutzt hat Ilka Seifert die Möglichkeiten des Hauses allerdings nicht. Da wäre sicher noch mehr möglich gewesen: Warum nicht Chor oder Bläser auch mal von ganz oben, aus 30 m Höhe über der Bühne erklingen lassen? Oder von der rückwärtigen Seite der Bühne? Und gleichzeitig aus verschiedenen Höhen? Natürlich hätten solche Wanderbewegungen ein bisschen Zeit gekostet – aber die hätte sich leicht durch diejenigen, die auf der Bühne geblieben wären, überbrücken lassen. 

 

"Il Ritorno d'Ulisse in Patria"

In Venedig entstanden Mitte des 17. Jahrhunderts die ersten öffentlichen Opernhäuser – und ein Komponist, der dort besonders oft gespielt wurde, war Claudio Monteverdi (1567-1643). Eine seiner späten Opern – "Il Ritorno d'Ulisse in Patria" ist ein besonders schönes Beispiel für eine Barock-Oper. Jetzt erklang sie im Großen Saal der Elbphilharmonie als konzertante Aufführung in der Regie von Walter Le Moli durch das Orchester "Europa Galante" unter Leitung von Fabio Bondi und 15 Gesangssolist*innen sowie den Chor "Coro Costanzo Porta". 

Im Mittelpunkt steht die Rückkehr von Odysseus zu Penelope, die weidlich Gelegenheit bietet, menschliche Tugenden (die Standhaftigkeit und Treue der Gattin!, der edle Mut des Odysseus!) und Untugenden (die aufdringlichen Freier!, die eitle, selbstsüchtige Dienerin!) sowie göttliche Gestaltungskraft (Neptun! Minerva! Zeus!) musikalisch zu charakterisieren. 

Hier nutzte die Regie die Möglichkeiten der Elbphilharmonie: Mal kamen die Posaunen von oben rechts, mal erklangen einzelne Soli von anderen Rängen. Nicht jeder der Gesangssolisten beherrschte jedoch so souverän wie die wunderbare Altistin Sara Mingardo als Penelope, der sonore Bariton Furio Zanasi als Ulisse oder der phänomenale Bass Fabrizio Beggi als Neptun und Tempo als Allegorie für die Zeit, die Kunst, den Saal rundum zu besingen. 

Fabio Bondi leitete seine Musiker mit sicherer Hand durch die anspruchsvolle Partitur Monteverdis, und der Coro Costanzo Porta faszinierte bei jedem der leider nur wenigen Auftritte mit vielstimmiger musikalischer Delikatesse. 

 

 

März 2019

 

13. März 2019 |

Preisverdächtig: Barbara Auer in “Vakuum”

Es ist ein Film, der unmittelbar unter die Haut geht. Mit einer Hauptrolle für die phantastische Barbara Auer, die einmal mehr ihre große Schauspielkunst unter Beweis stellt: "Vakuum", ein Film über das Zerbrechen einer scheinbar glücklichen Ehe. Über die zerstörerische Wirkung des Schweigens, der Scham, der Heimlichtuerei. 

Meredith (Barbara Auer) und André (gespielt von dem ebenfalls großartige Robert Hunger-Bühler) leben ein zufriedenes gutsituiert-bürgerliches Leben am Zürichsee. Er ist ein erfolgreicher Architekt, sie hat sich vorwiegend um den Haushalt und die – mittlerweile erwachsenen – zwei Kinder gekümmert, spielt aber mit dem Gedanken, wieder in den Beruf einzusteigen. Als sie nach einer Blutspende erfährt, dass sie HIV-positiv ist, fällt sie aus allen Wolken. Wo soll sie sich angesteckt haben? Nachdem eine Bluttransfusion aufgrund einer gynäkologischen Operation als Virus-Quelle ausgeschlossen werden kann, bleibt nur einer übrig: André. 

Und damit gerät das gesamte, sorgfältig aufgebaute Gebäude einer langjährigen Ehe (die beiden sind irgendwas über 50 und bereiten gerade das Fest eines runden Hochzeitstages vor) ins Wanken, bis es schließlich komplett zusammenbricht. Meredith findet heraus, dass es im Bürogebäude ihres Mannes ein Bordell gibt, in dem er sich offenbar vergnügt hat. Sie stellt ihn zur Rede und wirft ihn aus dem gemeinsamen Haus. Aber sie vermisst ihn auch, sie vermisst ihr gemeinsames Leben, das sie als durchaus erfüllt empfunden hat. Sie will herausfinden, warum er es nötig hatte, zu einer Nutte zu gehen. Und wird schließlich damit konfrontiert, dass André ganz andere Bedürfnisse hat, als die mit ihr gelebte Sexualität. Schließlich erlaubt sie ihm zurückzukehren, aber nichts ist mehr, wie es früher war. Ob ein echter Neuanfang gelingt, bleibt offen. 

Barbara Auer und Robert Hunger-Bühler zeichnen die beiden Charaktere mit atemberaubender Intensität: Diese Intimität und Vertrautheit zwischen den beiden, wenn er ihr die halblangen Haare färbt (und es ist mehr als ein emanzipatorischer Akt, wenn sie sich später einen Kurzhaarschnitt zulegt); diese Bettszene, wo er sich erkennbar abmüht und sie nicht so wirklich freudvoll dabei ist; diese Sprachlosigkeit, als sie ihm auf die Schliche kommt; diese komplette Entzauberung einer vermeintlichen Vertrautheit, als er ihr brutal an den Kopf knallt, dass es ihn eben anmacht, mit anderen Frauen Analverkehr zu haben; ihre Selbstüberwindung, als sie zu ihm ins Hotel geht: "Ich will, dass Du's mir zeigst" – was natürlich kläglich scheitert; seine verzweifelte Hilflosigkeit, als es darum geht, wie sie den beiden Töchtern beibringen sollen, dass sie beide HIV-infiziert sind: "Sag mir, was ich sagen soll..."; und schließlich ihre Souveränität, als sie ihm den Arsch rettet und den Töchtern vormacht, eine Blutkonserve bei einer Operation, der sich André unterziehen musste, sei die Ursache gewesen. Damit nimmt sie ihn komplett aus der Schusslinie, die Töchter haben Mitleid mit dem Vater ... Was sie da in Barbara Auers Gesicht abspielt, zeigt alles: Verachtung, Mitleid und – Liebe. Weil Meredith weiß, dass sie nur dann retten kann, was gut war in dieser Beziehung – und das war für sie vieles –, wenn sie einen Weg findet, mit André eine neue Zukunft aufzubauen. Sie ist die Starke in dieser Ehe, auf sie wird es ankommen. Sie muss herausfinden, ob sie in der Lage ist, André zu verzeihen. Es bleibt offen, ob das gelingt. 

Was diesen Film aus der Schweiz auszeichnet, ist nicht nur die bewundernswerte Leistung der beiden Schauspieler, sondern auch die Regiearbeit der 38-jährigen Christine Repond (sie hat auch das Drehbuch geschrieben) und ebenso die einfühlsame, dichte Kameraführung von Aline Lázló. Kein Wunder, dass der Film bereits mehrere Auszeichnungen eingeheimst hat, darunter den Schweizer Filmpreis 2018, den Max Ophüls Preis 2018, den Best Actress Award für Barbara Auer beim "Pöff - Black Nights FIlm Festival Tallinn 2017, die Auszeichnung für die "Beste Regie" und "Beste Darstellerin" bei den Ahrenshooper Kinonächten im November 2018, um nur einige zu nennen. Wie ungemein wohltuend auch, dass hier ausschließlich die konkrete Atmosphäre der jeweiligen Szene neben der Sprache die Geräusche bestimmt – und keine Filmmusik. Nur einmal ist ein Song zu hören – als Meredith ein Lied abspielt, das Erinnerungen birgt und das umso eindringlicher wirkt. 

"Vakuum" ist ein Film, den man nicht nur Paaren ans Herz legen möchte, sondern jedem erwachsenen Menschen. 

"Vakuum" – ab 14. März in den Kinos. 
RFF Real Fiction Filmverleih e.K., Köln 
80 Minuten
Regie: Christine Repond
Kamera: Aline Lázló

 

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