FrolleinDoktor

Lektüre ohne Risiken, aber mit Nebenwirkungen. Rezeptfrei in Ihrem Internet. Immer wieder zu durchstöbern. Machense sich doch schon mal frei.

Juni 2017

 

15. Juni 2017 | 0 Kommentare

Volle Dröhnung Percussion

Martin Grubinger und seine Combo mit "The Century of Percussion" in der Elbphilharmonie

Schon als man am 12. Juni den Großen Saal der Elbphilharmonie betrat, war klar: Heute Abend geht hier die Post ab. Die gesamte Bühne steht voller Schlagwerk: von Kochtöpfen und Blechdeckeln über Gongs, Glocken und Pauken bis zu Hangs, Bongos, Marimba- und Vibrafon und natürlich jegliche Art von Trommeln ist hier alles vertreten, worauf man klopfen, trommeln, schlagen kann. 200 Instrumente insgesamt, so erfährt man, sind hier aufgebaut. Sowas fährt nur einer auf: Martin Grubinger. Dieses Mal ist er mitsamt dem Papa, der ebenfalls Schlagzeug spielt, sechs weiteren Percussionisten und acht zusätzlichen Musikern (Trompete, Posaune, Saxophon/Klarinette, E-Bass, Gitarre, Keyboard, Klavier) in die Hansestadt gekommen. Phantastische Musiker allesamt. 

Rund 200 Instrumente stehen für diese Reise durch 100 Jahre Schlagwerk auf der Bühne!

Martin Grubinger senior hat für diese Tournee, mit der die Gruppe derzeit tourt, eine vierteilige Suite komponiert: "The Century of Percussion". Teil 1 "Archaic Rituals" widmet sich den Ursprüngen des modernen Schlagzeugs, dem vor allem ein Werk zum Durchbruch verholfen hat: "Le Sacre du Printemps" von Igor Strawinsky. Dessen eindringliche Rhythmen wiesen dem Schlagwerk in der Musik einen ganz neuen Platz zu und plötzlich eine Hauptrolle neben den Streichern und Bläsern. Mit diesem Werk hatte Strawinsky schlagartig die Moderne eingeläutet. Neoklassik und Spätromantik waren plötzlich nur noch gestrig. 

Teil 2 "Pump up the Rhythm" feiert dann den Rhythmus als Quelle jeglicher Musik, und ganz besonders des Schlagwerks in allen Variationen und Formen. Teil 3 "Minimal Experiences" spielt mit den Prinzien der Minimal Music, während dann Teil 4 "Percussive Trains" mit Volldampf nochmal alle Register zieht, die beim Schlagwerk so möglich sind.

Furioses Finale: Drei Schlagzeuger (v.l.n.r. Alexander Georgiev, Martin Grubinger jun., Rainer Furthner) lassen synchron die neongrünen Schlegel wirbeln und vollführen dabei auch noch allerlei Kunststückchen. Fingerfertigkeit vom Feinsten! 

Es ist ein zweieinhalbstündiges (ohne Pause!) Feuerwerk an Polyrhythmik und -harmonik, dass man schon allein vom Zuhören ganz besoffen wird. Wie diese Musiker die aberwitzigen Variationen der Rhythmik meistern, die Martin Grubinger senior ihnen da zumutet, das ist ganz große Kunst. Wie sensibel er die Kontraste setzt, von den zarten ersten Tönen des "Sacre" bis zu wuchtigen Trommelschlägen oder den meisterhaft aufspielenden Bläsern, die nicht nur einmal den Eindruck erwecken, man habe eine ganze Bigband vor sich. Die wunderbar platzierten Soli, zum Beispiel des Marokkaners Rhani Krija auf arabischen Bechertrommeln oder des Brasilianers Luis Ribeiro mit dem einsaitigen Berimbau, dessen raue Klänge sich mühelos bis unters Dach entfalten, oder auch die von allen gemeinsam gesungenen aztekischen und afrikanischen Volksweisen – das ist Hörgenuss pur. Vom Sound eines leise plätschernden Bächleins bis zu wuchtigen Klang-Tsunamis ist hier alles dabei. Es ist, wie Grubinger sen. bereits in seinen einführenden Worten so treffend ankündigte, "total schräg, total spannend und als pure Energie auf der Haut fühlbar". Kurzum: volle Dröhnung Percussion! 

Und als sei's damit noch nicht genug, zeigt Martin Grubinger im Finale nochmal, was er so in den Fingern und Handgelenken hat, wenn er ganz allein die Trommel rührt, zuerst zart und verhalten, um sich dann, ohne auch nur einmal den Rhythmus zu verlieren, im Tempo bis zu einem rasenden Wirbel zu beschleunigen – atemberaubend! 

Martin Grubinger junior (ganz rechts) und senior (3. von rechts) mit ihrer grandiosen Combo beim Schlussapplaus. 

Bleibt nur zu wünschen, dass irgendeine dieser Live-Performances auf DVD aufzeichnet wird – denn dieser Parforceritt durch ein Jahrhundert Percussion sollte dann doch für die Ewigkeit festgeshalten werden. 

Fotos: Elbphilharmonie, Carola Höhne

 

Kommentare

 
 

Mai 2017

 

16. Mai 2017 | 0 Kommentare

Anoushka Shankar in der Elbphilharmonie: Weniger wäre mehr gewesen

Deutlich erkennbar: rundum war die "weiße Haut" des Großen Saales mit Leinwänden abgehängt.

Anoushka Shankar und ihre Musiker auf der Bühne des Großen Saales der Elbphilharmonie (Foto: Daniel Dittus). 

Schon beim Eintreten in den Großen Saal der Elbphilharmonie fällt das umfangreiche Lautsprecher-Equipment auf, mit dem die Bühne für das Konzert mit Anoushka Shankar, Tochter des legendären Ravi Shankar (1920-2012), und ihren drei Musikern bestückt war. Und es fiel auf, dass Teile der "weißen Haut" mit Leinwand abgehängt waren – rundum. Vermutlich ein Tribut der transparenten Akustik des Saales an das Übermaß an Technik, das hier aufgefahren worden war.

Anoushka Shankar mit ihren drei Musikern (Manu Delago an der Hang, Tom Farmer am Bass, Sanjeev Shankar, hier an einem kleinen Xylophon statt der sonst von ihm gespielten Schalmei) bei der Zugabe – und endlich ohne die wuchtige Verstärkeranlage (Foto: Daniel Dittus). 

Völlig überflüssigerweise allerdings, denn die Qualität und Meisterschaft von Shankars Spiel offenbart sich vor allem in den leisen Momenten, wie in der Zugabe, einem Wiegenlied, deutlich wurde. Das hatte endlich die Intimität und vor allem auch die Intensität, die diese Musik verströmen und mit der sie die ZuhörerInnen in Bann schlagen kann. Auch braucht dieser Saal keine Verstärkung – die Sitar wäre ebenso wie die Hang und das Schlagwerk von Manu Delago, die Schalmei von Sanjeev Shankar (einem Schüler Ravi Shankars, aber nicht mit diesem verwandt) und der Bass bzw. das Keyboard von Tom Farmer gut vernehmbar werden. Wo, wenn nicht in diesem Saal könnte man darauf verzichten?! Dass das nicht geschah, war das größte Manko dieses Konzerts, in dem Anoushka Shankar Titel aus ihrer neuen CD "Land of Gold" spielte. 

Sie möchte damit die Weltlage spiegeln, die Flüchtlingssituation, all die Schwierigkeiten, denen wir heute ausgesetzt sind. Die musikalischen Details, die sie in diese Kompositionen eingeflochten hat, das Zusammenspiel mit Manu Delago (der an vielen der Titel kompositorisch beteiligt ist) und den anderen beiden Musikern konnten sich jedoch in der oft übersteuert erscheinenden Verstärkeranlage gar nicht richtig entfalten. Kein Wunder, dass es nicht wenigen Zuhörern zu laut wurde und sie den Saal verließen. 

Schlussbeifall 

Bleibt zu hoffen, dass sie beim nächsten Mal konsequent auf das Technik-Gedöns verzichtet und sich auf das konzentiert, was sie wirklich meisterhaft kann: die Sitar spielen und zusammen mit ihren Musikern eine eigene musikalische Welt kreieren, die atemlos lauschen lässt. 

 

Kommentare

 
 

Seite 1 von 26 Seiten  1 2 3 >  Letzte »