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FrolleinDoktor

Lektüre ohne Risiken, aber mit Nebenwirkungen. Rezeptfrei in Ihrem Internet. Immer wieder zu durchstöbern. Machense sich doch schon mal frei.

August 2013

 

27. August 2013 |

Gärtnerinnen mit Hingabe und Leidenschaft

Im Juli legte meine Kollegin und Freundin Britta Freith ein neues Buch vor: „Hinterm Stall die Blumen“.

Im Sommer 2012 hat Britta insgesamt 13 Landfrauen besucht, zwischen Nordfriesland und der Schweiz, Sachsen und Westfalen. Sie hat sie interviewt, mit ihnen – selbst eine große Hobbygärtnerin – gefachsimpelt, ihnen über die Schulter geschaut, Rezepte abgeluchst, Geheimtipps entlockt.

Herausgekommen ist ein mit vielen Fotos opulent aufgemachtes, großformatiges Buch, das richtig Spaß macht – nicht nur, wenn man ein Faible fürs Land hat. Es ist einfach ein Genuss, darin zu blättern, zu schmökern, das eine oder andere bäuerliche Rezept nachzukochen.

Und damit das ganze noch appetitanregender wird, habe ich Britta gleich mal ein bisschen dazu ausgefragt:

Wie ist es zu diesem Buch gekommen?

Es war ziemlich kurios. Anfang 2012 hatte ich Lust, mal wieder ein Buch zu machen, am liebsten über Gärten und Bauernhöfe. Nur: wie? Es blieb erstmal bei dem Wunsch. Im April rief mich eine freie Buchproduzentin an: Ob ich vielleicht ein Buch schreiben wollte über bäuerliche Nutzgärten??? Ich glaube ja nicht an das Gedöns mit „bestellen beim Universum“ oder so. Aber das fand ich dann doch ziemlich bemerkenswert... Und es passte exakt in meinen Plan – ich hatte im Sommer noch nicht viel zu tun. Treffer! 

Der Garten von Martina Euhus in Suroide bei Soltau in der Heide.

Wie ist sie auf Dich gekommen?

Übers Internet. Dort hat sie einen Text gefunden, den ich mal über Gärten und Landwirtschaft geschrieben habe.

Was war der Plan für das neue Buch?

Es sollte ein Buch werden über Haupterwerbs-Bäuerinnen, die einen Nutzgarten unterhalten und sich daraus auch versorgen. Es lag schon eine Liste mit Höfen vor, die dafür in Frage kamen. Die Landfrauen hatten auch bereits ausführliche Fragebögen bekommen und beantwortet. Wir mussten nur noch die Höfe, die ich besuchen sollte und die dann auch fotografiert wurden, bestimmen.

Blick unterm Rosenbogen hindurch in den Buchs-Garten von Diane Saathoff in Greetsiel (Ostfriesland)

Nach welchen Kriterien seid Ihr da vorgegangen?

Es sollten Betriebe sein, die komplett von ihrem Ertrag leben, deren Bewohner also möglichst keine zusätzlichen Jobs haben, um noch etwas dazuzuverdienen. Das sind dann meistens relativ große Betriebe oder Zusammenschlüsse von mehreren Höfen. Ein solch großer Hof ist zum Beispiel der von Bettina Horstmann in Jerrishoe, kurz vor der dänischen Grenze. Die haben sehr viel Milchvieh, das in großzügigen, lichtdurchfluteten, sauberen und gut durchdachten Ställen gehalten wird.

Oder es sind Höfe mit Subsistenzwirtschaft. Das heißt: sie leben ausschließlich von dem, was sie erwirtschaften, sie kaufen nichts dazu. Dafür muss man in einer strukturschwachen Gegend leben, weil da die Lebenshaltungs-kosten niedriger sind. Oder man muss sehr genügsam sein, man darf keine großen Ansprüche haben.Die Familie von Leni Kühn in Aidling ist ein Beispiel für so einen Hof. Das sind Bio-Bauern der ersten Stunde, sie leben erst seit einigen Jahren nicht mehr so beengt wie früher.

Wie habt Ihr die 13 Höfe ausgewählt?

Wir wollten eine breite Streuung von Norden bis Süden, Osten bis Westen. Ich wäre gerne noch weiter in den Osten gegangen, das war aber in der vorgegebenen Zeit nicht möglich. Ein Hof in Ostfriesland ist leider rausgefallen, weil im Garten zu der Zeit, in der die Fotografin da war, noch kaum etwas wuchs. Das war allerdings ein toller Garten und eine tolle Frau, Lilo Cramer. Das hat mir sehr leidgetan.

Wir wollten möglichst unterschiedliche Höfe haben – bio und konventionell, groß und klein, mit unterschiedlichen Ertragsformen. Wir wollten Familien zeigen. Frauen, die viel Zeit im Garten verbringen, nebenbei, weil sie es gerne tun. Frauen, die noch jung sind und Kinder zuhause haben. Es gibt auch ältere Frauen im Buch, aber die Mehrzahl ist jünger.

Am Garten von Martina Euhus ziehen die Kühe vorbei zurück in den Stall.

Warum wollte der Verlag dieses Buch?

Weil so viele Leute Sehnsucht nach dem Landleben haben. Wissen wollen, wo die Lebensmittel herkommen, wie man Obst und Gemüse einweckt, Vorratshaltung betreibt. Das sind Menschen, die gesund essen wollen. Sie sollten aus diesem Buch Anregungen beziehen können – und die bekommen sie auch.

Und was war für Dich wichtig beim Schreiben?

Ich wollte dokumentieren, was ich gesehen und erlebt habe. Ich bin mit ganz großer Neugier zu diesen Frauen gefahren. Es hat mich wirklich interessiert, was sie machen und wie sie leben. Ich habe geschrieben, als würde ich die Geschichten in meinem Freundeskreis erzählen. Da gibt es einige Männer und Frauen, die begeistert gärtnern und kochen. Ich habe mir überlegt: Was würden sie wissen wollen? Was würden sie sagen, wenn sie diese Frau treffen würden? Was ist das Spannende? Auf welche Lebenseinstellung stoße ich?

Und was hast Du gelernt bei der Arbeit an diesem Buch?

Geduld! Garten- und Landbau ist eine Sisyphusarbeit. Man pflanzt und dann kommt der Frost. Oder Hagel. Oder Schnecken. Oder Starkregen. Oder Tiere, die alles aufessen. Ich hatte zum Beispiel gerade einen Strauch mit Blaubeeren, der hing über und über voller Früchte – ich hatte mich so gefreut! Und eines Tages dachte ich, was ist da los, der Busch sieht so leer aus... Da hatten die Amseln alle Blaubeeren aufgegessen! Ich hätte nicht gedacht, dass ich den Busch mit Netzen abdecken muss – aber ich habe auch das Glück, dass ich nicht wirklich auf den Ertrag angewiesen bin, ich ärgere mich nur ein bisschen. Für jemanden der diese Nahrungsmittel braucht, kann das eine finanzielle Katastrophe sein.

Die Landfrauen in den Bergen stehen noch vor ganz anderen Problemen. Da kommt ein Erdrutsch. Oder der Boden ist staubtrocken, dann wächst was, und plötzlich kommt ein Sturzregen, der alles wegspült. Die Frauen machen trotzdem weiter. Immer wieder. Dann ist eben mal etwas weniger da.

Und ich habe begriffen, warum Menschen religiös werden, an eine höhere Macht glauben (Foto links: Kapelle im Garten von Margarete Schwär in St. Märgen im Südschwarzwald). Wenn man nicht glaubt, dass das, was man tut, einen Sinn hat, dann braucht man gar nicht erst anzufangen.

Wie sind Dir die Landfrauen begegnet?

Sehr freundlich! Natürlich bringen sie einer Fremden wie mir erstmal etwas Distanz entgegen. Aber als sie gemerkt haben, dass ich nicht zum Kritisieren gekommen bin, sondern ihnen ganz offen begegne, waren sie sehr gesprächsbereit. Ich habe eine umwerfende Gastfreundschaft erlebt, und eine große Offenheit.


Und wie hast Du die Frauen erlebt?

Ich habe Frauen getroffen, die sehr modern denken und auch so aussehen. Ich bewundere diese Frauen für ihre Bescheidenheit und Zufriedenheit. Einige kamen in ihrem Leben nie mehr als 50 bis 100 km von ihrem Wohnort weg. Manche haben noch nie das Meer gesehen oder ein anderes Land. Um zu reisen, müssten sie den Hof alleine lassen, und das geht nicht. Mitarbeiter sind teuer, nicht jeder hat Eltern, die mal eben Aufgaben wie das tägliche Melken übernehmen. Dann bleibt man eben zuhause und ist zufrieden mit dem, was man hat. Das hat mich sehr beeindruckt. Es gab keine Frau, die sich über ihr Leben beklagt hätte. Es gab hin und wieder mal Probleme mit den Altbauern oder mit den Schwiegereltern, die gerne vorschreiben wollten, wie die Jungen zu leben und den Hof zu führen haben. Oft wohnen ja mehrere Generationen unter einem Dach. Das kann dann manchmal schwierig werden, aber die Frauen sind da flexibel und anpassungsfähig. Das hat mir hohen Respekt abgenötigt. Mich erstaunt immer wieder, dass es solche Großfamilien heute noch gibt. In der Großstadt vergesse ich das leicht.

Der Blick über den Hof von Leni Kühn und das Dorf Aidling auf die bayerischen Alpen.

Welcher Hof hat Dir am besten gefallen?

Das lässt sich kaum sagen – ich fand alle schön! Aber sehr beeindruckt hat mich Ursel Oelkrug auf der Schwäbischen Alb mit ihrem großen, wunderschönen Garten. Sie und ihren Garten hätte ich am liebsten geheiratet – zumindest im übertragenen Sinne!! Sie hat einen großen Landschaftsgarten mit Brücken und Bächen, die zweckmäßig eingesetzt sind. Es gibt einen Bibelgarten mit Bibelsprüchen auf Tontafeln neben den Pflanzen – das ist so liebevoll gemacht! Sie ist eine der Bäuerinnen, die viel gereist sind. Aus allen Ländern hat sie Pflanzen mitgebracht. Nicht alle, aber viele sind bei ihr angewachsen. Und so wurde ihr Nutzgarten und später auch ihr Ziergarten immer größer. Und wunderschön!

Sehr nahe gegangen sind mir auch die Gespräche mit Leni Kühn aus Aidling in Bayern. Wir saßen zusammen oben am Berg, haben auf die Landschaft geschaut, und sie hat erzählt. Bei ihr habe ich bedauert, dass sie nicht um die Ecke wohnt – mit ihr würde ich gerne noch oft auf der Bank sitzen.

Noch heute denke ich viel an diese Landfrauen: Ich mache etwas, und plötzlich ploppt mir die Erinnerung an eine von ihnen in den Kopf, und ich überlege, was sie jetzt wohl dazu sagen würde. Das ist eine große Bereicherung.

Wie lange bist Du jeweils bei den Landfrauen geblieben?

Normalerweise einen Tag, manchmal auch nur einen halben. Mehr Zeit hatte ich nicht. Ursprünglich sollte ich nur über den Nutzgarten schreiben: Was bauen sie an und wie, düngen sie und wenn ja, womit. Das ist schnell abgefragt. Wenn man jahrelang beim Rundfunk gearbeitet hat und komplexe Themen in 1-3 Minuten unterbringen muss, dann lernt man, die Botschaften auf das Wesentliche einzudampfen. Die Texte habe ich dann aber doch noch ausgedehnt und andere Aspekte mit eingebracht. Insgesamt habe ich einfach sehr konzentriert gefragt, geschaut und manches noch hinterfragt. Das geht auch mit wenig Zeit. Ich erhebe allerdings nicht den Anspruch, dass ich die Höfe komplett abbilde.

Gab es etwas, was Dich überrascht hat, was Du noch gar nicht kanntest?

Für mich war der Schwarzwald etwas ganz Neues, da war ich vorher noch nie. Wenn man mit einem unverstellten Blick auf etwas schaut, sieht man Dinge, die Einheimische nicht mehr sehen. Das ist ja auch der Blick, den die meisten Leserinnen haben. Ich war zum Beispiel bei Margarete Schwär in St. Märgen. Als ich kam, lagen Nudeln zum Trocknen auf dem Tisch (siehe Foto rechts). Ich war völlig überrascht. Spiralnudeln selber machen? Die gibt’s doch im Supermarkt für ein paar Cent!? Frau Schwär erzählte dann, dass sie sich mit mehreren anderen Bäuerinnen eine Nudelmaschine teilt, die wandert von Hof zu Hof. Die Frauen machen die Nudeln selbst. Das hat mich sehr beeindruckt.

Als ich zu meinem Hotel ging, roch es intensiv nach Waldboden, würzig, frisch. Die Hotelwirtin sagte: das sind die Pfifferlinge. Abends gab es Rehbraten mit eben diesen Pfifferlingen – das war der Hammer! Noch nie habe ich so aromatische Pilze gegessen. Ich bin dann losgegangen und habe selbst danach gesucht – aber natürlich keine gefunden. Dafür aber wunderbare Heidelbeeren und Walderdbeeren. Glücklicherweise konnte ich Frau Schwär überzeugen, dass sie ein Rezept für Spätzle mit Pfifferlingen rausrückt – sie hat zuerst sich mit Händen und Füßen gewehrt, weil sie meinte, dass das doch ein so langweiliges Alltagsgericht wäre. Erst als ich ihr erklärt habe, dass Spätzle für uns Nordlichter etwas höchst Exotisches sind, hat sie eingewilligt. Zum Glück!

An all den Rezepten oder Fotos mit den Gerichten im Buch ist übrigens nichts geschönt – die sind genau so, wie die Bäuerinnen gekocht haben. Wir wollten, dass das absolut authentisch ist – wie auch die Berichte über die Landfrauen selbst.

 

Britta Freith:
Hinterm Stall die Blumen.
Landfrauen und ihre Gärten.
Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart
192 Seiten
225 Farbfotos von Bigi Möhrle
29,90 Euro

Direkt bestellen beim Verlag


Alle Fotos hier: (c) Britta Freith

 

04. August 2013 |

Unbedingt erregungsbereit

Meike Winnemuth gehört zu den Kolleginnen, die mir bisher immer wieder großen Respekt abnötigten. Sie hat ein freches Mundwerk, verfügt aber trotzdem über die nötige Feinfühligkeit, sie hat Mut, sie ist authentisch, sie kann was. Kurzum: sie ist mir sympathisch. Noch mehr seit ihrem Erfolg bei "Wer wird Millionär". Dort hatte sie sich beworben, weil sie eine Weltreise machen wollte und nachvollziehbarerweise dachte, dafür würde ihr Einkommen als freie Journalistin nicht ausreichen. Sie schaffte es auf den berühmten Stuhl, und tatsächlich: am 11. Oktober 2010 gewann sie bei Günter Jauch 500.000 Euro – Chapeau!

Schon wenige Monate danach erfüllte sie sich den Traum und gondelte 2011 ein Jahr lang durch die Welt, jeden Monat nahm sie Quartier in einer anderen Metropole. Ihr Weg führte sie von Sydney über Buenos Aires, Mumbai, Shanghai, Honolulu, San Francisco, London, Kopenhagen, Barcelona, Tel Aviv, Addis Abeba und Havanna wieder nach Hamburg zurück. Nochmal: Chapeau! Eine tolle Idee, eine großartige Reise, eine mutige Frau. Noch dazu gesegnet mit dem Talent einer flotten, flüssigen Schreibe, die das Lesen zum Vergnügen macht. Entsprechend viel frequentiert war ihr Blog "VormirdieWelt" – und auch ich folgte ihr freudig von Stadt zu Stadt. Das Blog hatte 200.000 Leser, wurde für den Grimme Online-Award 2012 nominiert und bei den Lead Awards 2012 ausgezeichnet. Da capo: Chapeau!

Nach ihrer Rückkehr nach Hamburg Anfang Januar 2012 nahm sie sich ein Jahr Zeit, um all das, was sie erlebt hatte, zu einem Buch zu verarbeiten – fand ich prima, hätte ich genauso gemacht. "Das große Los" erschien am 11. März 2013 im Knaus Verlag. Ich besorgte es mir sofort und war gespannt, was es über das im Blog Geschriebene hinaus noch so zu erfahren gab. Denn das Buch sollte die Antwort sein auf die Frage, die ihr viele ihrer Freunde nach der Rückkehr gestellt hatten: "Wie war es denn nun wirklich?"

Eine Antwort auf diese Frage sucht man auf den 329 Seiten des Buches jedoch vergeblich – oder es war eben so, wie es das Blog schon schilderte. Wer die Autorin 2011 durch die Welt begleitet hatte, erfährt nur wenig Neues. Der Text wurde ein bisschen hier ergänzt, ein bisschen da erweitert (vor allem im Hinblick auf das eigene Erleben) – das war es dann aber auch schon. Mehr noch: Das Buch ist oft unangenehm weitschweifig, wo das Blog schön kurz und knapp war, Anregungen gab, neugierig machte. Und es ist auch noch erheblich selbstbezogener – im Mittelpunkt stehen weniger die besuchten Städte und die damit verbundenen Erlebnisse als das wechselhafte Befinden der Autorin. Das ist einige Kapitel lang ganz nett und aufschlussreich, in vielem kann frau sich durchaus wiederfinden, aber dann wird es doch recht ermüdend und langweilig.

"Das große Los" war als Titel allerdings gut gewählt – denn das zog Meike Winnemuth jetzt noch zusätzlich zu ihrem Gewinn bei Jauch: ihr Buch avancierte innerhalb kürzester Zeit zum Bestseller (und rangiert seither auf den vorderen Plätzen der Spiegel-Bestsellerliste). Der stern leistete freundlich Starthilfe, indem er das Buch auf einer mehrere Seiten im Heft umfassenden Strecke mit appetitmachenden Textauszügen und somit – selten für eine Buchbesprechung – höchst opulent vorstellte. Noch dazu just zu dem Zeitpunkt, als der große Relaunch stattfand und Dominik Wichmann als Chefredakteur inthronisiert wurde – Garant für besonders große Aufmerksamkeit und eine höhere Auflage als sonst. Dank dieses Freundschaftsdienstes des neuen Chefredakteurs an der früheren Kollegin Winnemuth – die beiden hatten schon beim SZ-Magazin zusammengearbeitet – saß Meike in so gut wie jeder Talkshow und wurde x-mal interviewt. Ein Super-Start! Chapeau!

Meike Winnemuth sei der Erfolg von Herzen gegönnt. In diesem Jahr organisiert der Verlag übrigens zwischen August und November – was heutzutage selten geworden ist – eine große Lesereise durch die gesamte Republik, was die Auflage des Buches (des Hörbuches, des Audio-Downloads, des Ebooks) deutlich nach oben befördern wird. Wiederum: Chapeau!

Was mich jetzt zu diesem Beitrag veranlasst, war ein Text von Meike Winnemuth im stern von dieser Woche (Heft 32 vom 1.8.2013). Chefredakteur Wichmann konnte sie nämlich – na sowas! – dafür gewinnen, künftig wöchentlich für den stern eine Kolumne zu schreiben. Prima! Der Ritterschlag für jede Journalistin! Nichts ist schöner als intelligente Kolumnen zu schreiben. Noch dazu in einem der Flaggschiffe des deutschen Journalismus – klasse! Schon wieder: Chapeau!

"Bedingt erregungsbereit" lautete die Überschrift der ersten Kolumne. Untertitel: "Was regt mich noch so richtig auf? Viel gibt es nicht. Aber immer noch genug." So so. Klingt ja schonmal verheißungsvoll. Und tatsächlich: den halben Artikel lang ziert sich die Autorin aufs possierlichste, dass sie doch eigentlich gar nicht die Richtige sei für so eine Kolumne. Worüber sie sich mit ihren 53 Jahren denn noch aufregen solle, fragt sie. "Altersmilde" billigt sie sich zu, ein "tief empfundenes Achselzucken über die meisten Zeitphänomene". Die Erregungsbereitschaft lasse nach im Alter, sagt sie (wie reizend, mit 53 schon von "Alter" zu sprechen...), "von wenigen tragischen Ausnahmen abgesehen". Sie bekomme "an guten Tagen gerade mal milden Spott zustande, mit ein bisschen gutem Willen auch mal einen Anflug von Genervtheit." Ihr Langmut kennt offenbar keine Grenzen: "Wenn du lange genug am Ufer des Flusses sitzt, schwimmen die Leichen deiner Feinde vorbei, darauf ein dreifaches Omm."

Für mich als Winnemuth-Fan war diese Kolumne die zweite Enttäuschung nach der bereits eher mühsamen und ermüdenden Lektüre des Buches. Diese gewollte Koketterie mit dem Alter, mit der eigenen Gelassenheit dem Weltgeschehen gegenüber erhält durch die satte Saturiertheit der Autorin, das Argumentieren aus höchst komfortabler Position heraus, vor allem aber durch die anmaßende Selbstgefälligkeit etwas Geschmäcklerisches, einen abstoßenden haut goût.

Denn mit 500.000 Euro auf dem Konto (die sich, klug angelegt, seit 2 Jahren sicher noch vermehrt haben dürften), einer Eigentumswohnung, den üppigen Honoraren aus dem Buchverkauf, dem Einkommen aus ohnehin nicht schlechten Engagements bei SZ-Magazin und anderen Titeln sowie nun auch noch einem gut dotierten Kolumnenvertrag lebt es sich allzeit heiter-gelassen. Was soll einen da noch auf die Palme bringen? Worüber soll man sich da überhaupt noch echauffieren?? Lohnt doch die Aufregung nicht. Aber gnädig erweist Winnemuth dem stern zum Schluss dann doch noch ihre Gunst: "Also schön, stern, lass es uns miteinander probieren. Wird schon, kriegen wir hin." Irgendwas, worüber sich das Blondschöpfchen schütteln lässt, wird sich ja wohl noch finden.

Hat sich schon gefunden. Denn über das kann sich Meike Winnemuth doch tatsächlich aufregen: "...dass der 61jährige krebskranke CDU-Politiker Wolfgang Bosbach sagt: 'Ich muss auf die Stopp-Signale meines Körpers besser achten. Ich kann mittlerweile ohne schlechtes Gewissen schon um 22 Uhr Feierabend machen.'" Da möchte Winnemuth "heulen vor Mitleid und Wut über diese dumme, eitle, kruppstahlige Altmänner-Heldenpose und auf der Stelle losschreiben". Bosbach und eitel? Dumm? Kruppstahlig? Mit 61 ein "alter Mann"? Wenn einer all das nicht ist, dann dieser Politiker, der wie nur wenige den Mut hatte, seine Krankheit öffentlich zu machen und auch öffentlich zu bekennen, welche Konsequenzen sie von ihm fordert. Das braucht weder das Mitleid noch die Wut von Frau Winnemuth. Das braucht vor allem unseren Respekt.

Mehr noch: Diese Haltung, mehr auf die Körpersignale zu hören, wäre für viele Menschen heilsam und gesundheitsfördernd. Gerade unter Journalisten sind 16-Stunden-Arbeitstage heute keine Seltenheit. Auch alleinerziehende Mütter können ein Lied davon singen (ich spreche bei beidem aus Erfahrung). Möchte Meike Winnemuth sich nicht vielleicht darüber echauffieren? Das wäre doch mal was. Rege sie sich doch mal auf über die Zeilenhonorare, die in den Medien heute so üblich sind (nur nicht für sie). Schimpfe sie wie ein Rohrspatz darüber, dass Frauen immer noch weniger Lohn bekommen als Männer in gleicher Position. Schlage sie eine Bresche für mehr Gerechtigkeit, für mehr Ehrlichkeit, für mehr Mut. So eine Kolumne bietet dafür doch eine prima  Plattform.

"Empört Euch" lautete der Titel des wunderbaren Buches des vor einigen Monaten verstorbenen Stéphane Hessel – und es rüttelte europaweit die Menschen generationenübergreifend wach. Sich vor diesem Hintergrund larmoyant darüber zu mokieren, dass es im Grunde kaum noch etwas zum Aufregen gibt, zeugt schon von einer bemerkenswerten Arroganz und Ignoranz der bundesdeutschen Realität und den Menschen gegenüber. Das, liebe Meike, regt mich auf. Sehr sogar. Gerade weil es von Ihnen kommt, die es doch wirklich besser wissen müsste. Da bin ich unbedingt erregungsbereit.

Übrigens: am 1. Januar 2014 startet Meike Winnemuth zu einer 12monatigen Odyssee durch 12 deutsche Städte. Vermutlich hat sich der stern die Exklusivrechte schon vorab gesichert. Und der Knaus-Verlag, in dem "Das große Los" erschien, die Rechte am Buch...

 

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