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FrolleinDoktor

Lektüre ohne Risiken, aber mit Nebenwirkungen. Rezeptfrei in Ihrem Internet. Immer wieder zu durchstöbern. Machense sich doch schon mal frei.

August 2013

 

04. August 2013 |

Unbedingt erregungsbereit

Meike Winnemuth gehört zu den Kolleginnen, die mir bisher immer wieder großen Respekt abnötigten. Sie hat ein freches Mundwerk, verfügt aber trotzdem über die nötige Feinfühligkeit, sie hat Mut, sie ist authentisch, sie kann was. Kurzum: sie ist mir sympathisch. Noch mehr seit ihrem Erfolg bei "Wer wird Millionär". Dort hatte sie sich beworben, weil sie eine Weltreise machen wollte und nachvollziehbarerweise dachte, dafür würde ihr Einkommen als freie Journalistin nicht ausreichen. Sie schaffte es auf den berühmten Stuhl, und tatsächlich: am 11. Oktober 2010 gewann sie bei Günter Jauch 500.000 Euro – Chapeau!

Schon wenige Monate danach erfüllte sie sich den Traum und gondelte 2011 ein Jahr lang durch die Welt, jeden Monat nahm sie Quartier in einer anderen Metropole. Ihr Weg führte sie von Sydney über Buenos Aires, Mumbai, Shanghai, Honolulu, San Francisco, London, Kopenhagen, Barcelona, Tel Aviv, Addis Abeba und Havanna wieder nach Hamburg zurück. Nochmal: Chapeau! Eine tolle Idee, eine großartige Reise, eine mutige Frau. Noch dazu gesegnet mit dem Talent einer flotten, flüssigen Schreibe, die das Lesen zum Vergnügen macht. Entsprechend viel frequentiert war ihr Blog "VormirdieWelt" – und auch ich folgte ihr freudig von Stadt zu Stadt. Das Blog hatte 200.000 Leser, wurde für den Grimme Online-Award 2012 nominiert und bei den Lead Awards 2012 ausgezeichnet. Da capo: Chapeau!

Nach ihrer Rückkehr nach Hamburg Anfang Januar 2012 nahm sie sich ein Jahr Zeit, um all das, was sie erlebt hatte, zu einem Buch zu verarbeiten – fand ich prima, hätte ich genauso gemacht. "Das große Los" erschien am 11. März 2013 im Knaus Verlag. Ich besorgte es mir sofort und war gespannt, was es über das im Blog Geschriebene hinaus noch so zu erfahren gab. Denn das Buch sollte die Antwort sein auf die Frage, die ihr viele ihrer Freunde nach der Rückkehr gestellt hatten: "Wie war es denn nun wirklich?"

Eine Antwort auf diese Frage sucht man auf den 329 Seiten des Buches jedoch vergeblich – oder es war eben so, wie es das Blog schon schilderte. Wer die Autorin 2011 durch die Welt begleitet hatte, erfährt nur wenig Neues. Der Text wurde ein bisschen hier ergänzt, ein bisschen da erweitert (vor allem im Hinblick auf das eigene Erleben) – das war es dann aber auch schon. Mehr noch: Das Buch ist oft unangenehm weitschweifig, wo das Blog schön kurz und knapp war, Anregungen gab, neugierig machte. Und es ist auch noch erheblich selbstbezogener – im Mittelpunkt stehen weniger die besuchten Städte und die damit verbundenen Erlebnisse als das wechselhafte Befinden der Autorin. Das ist einige Kapitel lang ganz nett und aufschlussreich, in vielem kann frau sich durchaus wiederfinden, aber dann wird es doch recht ermüdend und langweilig.

"Das große Los" war als Titel allerdings gut gewählt – denn das zog Meike Winnemuth jetzt noch zusätzlich zu ihrem Gewinn bei Jauch: ihr Buch avancierte innerhalb kürzester Zeit zum Bestseller (und rangiert seither auf den vorderen Plätzen der Spiegel-Bestsellerliste). Der stern leistete freundlich Starthilfe, indem er das Buch auf einer mehrere Seiten im Heft umfassenden Strecke mit appetitmachenden Textauszügen und somit – selten für eine Buchbesprechung – höchst opulent vorstellte. Noch dazu just zu dem Zeitpunkt, als der große Relaunch stattfand und Dominik Wichmann als Chefredakteur inthronisiert wurde – Garant für besonders große Aufmerksamkeit und eine höhere Auflage als sonst. Dank dieses Freundschaftsdienstes des neuen Chefredakteurs an der früheren Kollegin Winnemuth – die beiden hatten schon beim SZ-Magazin zusammengearbeitet – saß Meike in so gut wie jeder Talkshow und wurde x-mal interviewt. Ein Super-Start! Chapeau!

Meike Winnemuth sei der Erfolg von Herzen gegönnt. In diesem Jahr organisiert der Verlag übrigens zwischen August und November – was heutzutage selten geworden ist – eine große Lesereise durch die gesamte Republik, was die Auflage des Buches (des Hörbuches, des Audio-Downloads, des Ebooks) deutlich nach oben befördern wird. Wiederum: Chapeau!

Was mich jetzt zu diesem Beitrag veranlasst, war ein Text von Meike Winnemuth im stern von dieser Woche (Heft 32 vom 1.8.2013). Chefredakteur Wichmann konnte sie nämlich – na sowas! – dafür gewinnen, künftig wöchentlich für den stern eine Kolumne zu schreiben. Prima! Der Ritterschlag für jede Journalistin! Nichts ist schöner als intelligente Kolumnen zu schreiben. Noch dazu in einem der Flaggschiffe des deutschen Journalismus – klasse! Schon wieder: Chapeau!

"Bedingt erregungsbereit" lautete die Überschrift der ersten Kolumne. Untertitel: "Was regt mich noch so richtig auf? Viel gibt es nicht. Aber immer noch genug." So so. Klingt ja schonmal verheißungsvoll. Und tatsächlich: den halben Artikel lang ziert sich die Autorin aufs possierlichste, dass sie doch eigentlich gar nicht die Richtige sei für so eine Kolumne. Worüber sie sich mit ihren 53 Jahren denn noch aufregen solle, fragt sie. "Altersmilde" billigt sie sich zu, ein "tief empfundenes Achselzucken über die meisten Zeitphänomene". Die Erregungsbereitschaft lasse nach im Alter, sagt sie (wie reizend, mit 53 schon von "Alter" zu sprechen...), "von wenigen tragischen Ausnahmen abgesehen". Sie bekomme "an guten Tagen gerade mal milden Spott zustande, mit ein bisschen gutem Willen auch mal einen Anflug von Genervtheit." Ihr Langmut kennt offenbar keine Grenzen: "Wenn du lange genug am Ufer des Flusses sitzt, schwimmen die Leichen deiner Feinde vorbei, darauf ein dreifaches Omm."

Für mich als Winnemuth-Fan war diese Kolumne die zweite Enttäuschung nach der bereits eher mühsamen und ermüdenden Lektüre des Buches. Diese gewollte Koketterie mit dem Alter, mit der eigenen Gelassenheit dem Weltgeschehen gegenüber erhält durch die satte Saturiertheit der Autorin, das Argumentieren aus höchst komfortabler Position heraus, vor allem aber durch die anmaßende Selbstgefälligkeit etwas Geschmäcklerisches, einen abstoßenden haut goût.

Denn mit 500.000 Euro auf dem Konto (die sich, klug angelegt, seit 2 Jahren sicher noch vermehrt haben dürften), einer Eigentumswohnung, den üppigen Honoraren aus dem Buchverkauf, dem Einkommen aus ohnehin nicht schlechten Engagements bei SZ-Magazin und anderen Titeln sowie nun auch noch einem gut dotierten Kolumnenvertrag lebt es sich allzeit heiter-gelassen. Was soll einen da noch auf die Palme bringen? Worüber soll man sich da überhaupt noch echauffieren?? Lohnt doch die Aufregung nicht. Aber gnädig erweist Winnemuth dem stern zum Schluss dann doch noch ihre Gunst: "Also schön, stern, lass es uns miteinander probieren. Wird schon, kriegen wir hin." Irgendwas, worüber sich das Blondschöpfchen schütteln lässt, wird sich ja wohl noch finden.

Hat sich schon gefunden. Denn über das kann sich Meike Winnemuth doch tatsächlich aufregen: "...dass der 61jährige krebskranke CDU-Politiker Wolfgang Bosbach sagt: 'Ich muss auf die Stopp-Signale meines Körpers besser achten. Ich kann mittlerweile ohne schlechtes Gewissen schon um 22 Uhr Feierabend machen.'" Da möchte Winnemuth "heulen vor Mitleid und Wut über diese dumme, eitle, kruppstahlige Altmänner-Heldenpose und auf der Stelle losschreiben". Bosbach und eitel? Dumm? Kruppstahlig? Mit 61 ein "alter Mann"? Wenn einer all das nicht ist, dann dieser Politiker, der wie nur wenige den Mut hatte, seine Krankheit öffentlich zu machen und auch öffentlich zu bekennen, welche Konsequenzen sie von ihm fordert. Das braucht weder das Mitleid noch die Wut von Frau Winnemuth. Das braucht vor allem unseren Respekt.

Mehr noch: Diese Haltung, mehr auf die Körpersignale zu hören, wäre für viele Menschen heilsam und gesundheitsfördernd. Gerade unter Journalisten sind 16-Stunden-Arbeitstage heute keine Seltenheit. Auch alleinerziehende Mütter können ein Lied davon singen (ich spreche bei beidem aus Erfahrung). Möchte Meike Winnemuth sich nicht vielleicht darüber echauffieren? Das wäre doch mal was. Rege sie sich doch mal auf über die Zeilenhonorare, die in den Medien heute so üblich sind (nur nicht für sie). Schimpfe sie wie ein Rohrspatz darüber, dass Frauen immer noch weniger Lohn bekommen als Männer in gleicher Position. Schlage sie eine Bresche für mehr Gerechtigkeit, für mehr Ehrlichkeit, für mehr Mut. So eine Kolumne bietet dafür doch eine prima  Plattform.

"Empört Euch" lautete der Titel des wunderbaren Buches des vor einigen Monaten verstorbenen Stéphane Hessel – und es rüttelte europaweit die Menschen generationenübergreifend wach. Sich vor diesem Hintergrund larmoyant darüber zu mokieren, dass es im Grunde kaum noch etwas zum Aufregen gibt, zeugt schon von einer bemerkenswerten Arroganz und Ignoranz der bundesdeutschen Realität und den Menschen gegenüber. Das, liebe Meike, regt mich auf. Sehr sogar. Gerade weil es von Ihnen kommt, die es doch wirklich besser wissen müsste. Da bin ich unbedingt erregungsbereit.

Übrigens: am 1. Januar 2014 startet Meike Winnemuth zu einer 12monatigen Odyssee durch 12 deutsche Städte. Vermutlich hat sich der stern die Exklusivrechte schon vorab gesichert. Und der Knaus-Verlag, in dem "Das große Los" erschien, die Rechte am Buch...

 

Juli 2013

 

03. Juli 2013 |

Bitte lesen!

Schon der Titel lässt innehalten: "Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen". Was mag das sein? dachte ich, als ich dieses Buch zum ersten Mal sah. Und wurde neugierig. 

Bronnie Ware ist Australierin und hatte in ihrem Leben schon in diversen Berufen gearbeitet: als Bankangestellte, Kellnerin, House-Sitterin, Sterbebegleiterin, Songwriterin... Sie lebte in Australien, England und auf einer Südseeinsel.

Geprägt hat sie vor allem ihre Tätigkeit in der Pflege von todkranker Menschen, die ihr vieles anvertrauten, was ihnen in den wenigen Wochen und Monaten, die ihnen noch vergönnt waren, einfiel und durch den Kopf ging. Bronnie hat das so beschäftigt, dass sie darüber in ihrem Blog "inspiration and chai" schrieb.

Ihre Einträge dort stießen auf so viel Interesse und Resonanz, dass Bronnie sich entschloss, kurzerhand daraus ein Buch zu machen. Es wurde nicht nur in Australien ein großer Erfolg – mittlerweile steht es schon seit Wochen auf der SPIEGEL-Bestseller-Liste und wurde bereits in mehrere andere Sprachen übersetzt.


Fünf Dinge waren es, die die von ihr betreuten Menschen in ihren letzten Tagen am ehesten bereut haben und die das Buch in fünf große Abschnitte gliedern:

  1. "Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten." 
  2. "Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet".
  3. "Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen."
  4. Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden gehalten." 
  5. Ich wünschte, ich hätte mir mehr Freude gegönnt." 

Für die meisten ihrer Patienten kamen diese Einsichten zu spät – wie sie auch für jeden von uns zu spät kommen, wenn wir uns nicht schon frühzeitig darauf besinnen. Deshalb ist dieses Buch eine wichtige Lektüre – wir können von den Begegnungen Bronnies mit den sterbenden Menschen lernen, dass es darauf ankommt, die Dinge nicht auf die lange Bank zu schieben, sondern JETZT umzusetzen – ganz egal, ob es sich um Träume handelt, deren Umsetzung etwas Planung erfordert, oder um Vorhaben, die rasch realisierbar sind. Fest steht: es geht viel mehr als wir immer denken, wenn wir es nur wirklich wollen. 

Der einzige Mangel an diesem Buch ist seine Weitschweifigkeit, wenn es um das eigene Leben von Bronnie Ware geht. Sie vermischt ihre eigene Lebensgeschichte mit dem, was die sterbenden Menschen ihr gesagt haben oder was sie von ihnen erfahren hat. Das erzählt sie durchaus anschaulich, aber auch sehr kleinteilig, was sie alles so gemacht hat, wie sie sich in all den Jahren gefühlt hat, welche Schwierigkeiten es mit ihrer Familie gab – und das wird mit der Zeit dann doch etwas langatmig. Es hätte dem Buch gut getan, wenn es in diesen persönlichen Passagen mehr gestrafft worden wäre. Wie man auch nicht versteht, warum Bronnie kurz bevor sie das Buch geschrieben hat, in eine tiefe Depression fiel und sogar vorhatte, sich umzubringen. Das ist alles wenig schlüssig und hinterlässt einige Fragezeichen, was den Wert des Buches letztlich aber nicht schmälern kann. 

Bronnie Ware
5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen
Arkana Verlag, 352 Seiten, 19,90 Euro
Direkt bestellen beim Verlag
 

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