FrolleinDoktor

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Januar 2015

 

05. Januar 2015 | 0 Kommentare

Bücher für besinnliche Stunden – nicht nur, aber auch im neuen Jahr

Weihnachten – das ist ja immer auch das Fest der Besinnung, der inneren Einkehr und Ruhe. Sollte es jedenfalls sein. Da bei uns dieses Mal keine großen Familientreffen anstanden, kam ich tatsächlich auch dazu. Vor allem zu Büchern, die schon seit langem auf meinem Nachttisch liegen, aber nur allzu oft dann doch der so dringend benötigten Nachtruhe zum Opfer fielen. 

Dazu gehören drei große Liebesgeschichten: die von Consuelo und Antoine de Saint-Exupéry, die von Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque, und die von Hilde Domin und Erwin Walter Palm. 

"Eine legendäre Liebe", das ist die Geschichte der Amour fou zwischen dem "Vater" des "kleinen Prinzen" und der spanischen Schriftstellerin und Malerin Consuelo Suncin Sandoval de Gómez, Witwe eines der berühmtesten lateinamerikanischen Journalisten und Diplomaten Enrique Gómez Carillo (1873-1927). Sie wird erzählt von Consuelos Privatsekretär und Assistenten José Martinez Fructuoso, der sie bis zu ihrem Tod 1979 begleitete und als Alleinerbe ihr Privatarchiv verwaltet. 

In diesem wunderbar reich bebilderten Buch kommen einem diese beiden Menschen nahe, auf eine so intime und doch respektvolle Art und Weise, wie ich es selbst in einer Biographie erlebt habe. Das ist umso wertvoller, als die Ehe der beiden von der Familie Saint-Exupéry mehr oder weniger verschwiegen wird. Consuelo wird ausgegrenzt, angeschwärzt, verleumdet. 

Dieses Buch ist die ideale Ergänzung zu Consuelos Erinnerungen an ihre Zeit mit Saint-Exupéry "Die Rose des kleinen Prinzen" und ihre "Sonntagsbriefe" – Briefe, die sie an Antoine während des Krieges schrieb und die sie ihm nach seiner Rückkehr geben wollte. Alle drei Bücher sind Zeugnisse einer großen, einmaligen Liebe. 

Dass die Schauspielerin Marlene Dietrich eine langjährige, innige Beziehung mit dem Schriftsteller Erich Maria Remarque (Autor von "Im Westen nichts Neues", "Drei Kameraden", "Zug nach Lissabon", "Arc de Triomphe", "Zeit zu leben, Zeit zu sterben") hatte, ist hinlänglich bekannt. Nicht jedoch die Liebesbriefe, die sich die beiden geschrieben haben. Sie wurden erstmals 2001 bei Kiepenheuer & Witsch in dem mit vielen Fotos und Dokumenten versehenen Band "Sag mir, daß Du mich liebst" veröffentlicht.

Dieses Buch erlaubt nicht nur einen tiefen Einblick in das gemeinsame Leben der beiden, sondern auch in die Zeit zwischen 1937 und Anfang der 1940er Jahre. Aber auch nach ihrer Trennung blieben beide weiterhin verbunden – bis zu Remarques Tod 1970. 

 

 

 

Und noch einmal Briefe: Diesmal von Hilde Domin an ihren Mann Erwin Walter Palm, die sie zwischen 1931 und 1959 geschrieben hat. Sie geben nicht nur Auskunft über eine leidenschaftliche Liebesbeziehung, sondern auch über die verschiedenen Stationen des Exils, das Hilde Domin auf sich nehmen musste: von Italien in die Karibik nach Santo Domingo und 1954 wieder zurück nach Deutschland.

Dieses Buch ist keines, das man mal eben so wegliest. Aber es ist wie geschaffen für diese ruhige, besinnliche Zeit "zwischen den Jahren". Mit diesen Briefen wird die wunderbare Lyrik Hilde Domins noch einmal ganz neu verstehbar – ich lese sie seither mit neuem, besseren Verständnis. 

 

 

Und weil es mir Biografien schon immer angetan hatten, hier noch drei Buchtipps, die zeitlos lesenswert bleiben: 

Gero von Boehm bin ich schon zu Beginn der 1980er Jahre erstmals begegnet – in der Folge habe ich mich bemüht, keinen seiner Filme zu versäumen. Weil sie einfach unschlagbar gut sind. Glücklicherweise hat er aus seinen unzähligen Begegnungen ein Buch gemacht, das auch so heißt: "Begegnungen". Es sind "Menschenbilder aus drei Jahrzehnten", ein "Who is Who" des 20. und der ersten Jahre des 21. Jahrhunderts: Henry Moore über Gerd Bucerius bis zu Lilli Palmer, Ruth Westheimer, Marianne Hoppe, Alfred Herrhausen, Ernst Jünger, Gisèle Freund, Eugène Ionesco, Marion Gräfin Dönhoff, Harry Belafonte, Iris Berben, Martina Gedeck, Otto Sander, Peter Handke, Reinhold Messner, Joschka Fischer, Ulrich Tukur, Georg Stefan Troller, Charlotte Rampling – um nur eine kleine Auswahl zu nennen.

Die Art, wie Gero von Boehm diese Interviews führt, ist mir zum Vorbild für meine eigene Arbeit geworden: freilassend, aber auch nachfragend, wo sich durch einen Satz, eine Geste, ein Ansatzpunkt bietet, immer im Bemühen, das Gegenüber verstehen und dadurch auch dem Leser bzw. Zuschauer nahebringen zu wollen. Wie schön deshalb, dass den Interviews jeweils eigene Tagebuchnotizen von Boehms beigestellt sind. 

Und dann noch ein weiterer Kollege, dessen journalistische Schreibkunst ich sehr schätze: Michael Jürgs. Er hat Menschen besucht, denen etwas zugestoßen ist, das ihr Leben von einer Stunde auf die andere verändert hat: bei Rudolf Scharping war es ein Sturz vom Fahrrad, bei dem er nur knapp mit dem Leben davonkam; für Anna Augstein war es der Tod ihres Mannes, des SPIEGEL-Gründers Rudolf Augstein; der frühere BKA-Chef Horst Herold wird den 17. September 1977 nie vergessen. Und so schildert Jürgs Tage im Leben von Menschen, die das Glück fanden oder gerade verloren hatten, deren Lebensweg sich von jetzt auf gleich veränderte. Es sind Geschichten "vom Verlust der Macht und dem Ende einer Liebe, vom schnellen Tod und einem neuen Leben", es sind "deutsche Biografien", wie es im Untertitel heißt. 

 

Ulrich Kienzle ist für die meisten Menschen meiner Generation ein Begriff: Seine Fernseh-Reportagen aus dem Nahen Osten haben uns über Jahrzehnte begleitet. Jetzt hat seine Frau Ilse die Geschichte ihres gemeinsamen Lebens aus ihrer Sicht aufbereitet. Und es ist ja gerade diese Sicht von einer ganz anderen Perspektive auf ein so bewegtes Leben, die so reizvoll ist. 

Noch dazu, wenn man so leichtfüßig und spannend schreiben kann wie Ilse Kienzle. Sie nimmt uns mit auf die Reise durch die vielen Stationen an der Seite eines Auslandskorrespondenten, durch die Krisensituationen im Libanon, Ägypten und Südafrika. Sie beschreibt ebenso unterhaltsam wie ernst den Beginn der legendären Fernsehreihe "Kienzle & Hauser" 1993, die trotz des immer wieder aufflackernden Widerstands Ulrich Kienzles 290 Sendungen andauerte. 

Ilse und Ulrich Kienzle sind seit 48 Jahren verheiratet. Wer dieses Buch liest, weiß, warum. 

José Martinez Fructuoso und Alain Vircondelet: Antoine und Consuelo de Saint Exupéry. Eine legendäre Liebe. Verlag Antje Kunstmann, München, 2006

"Sag mir, daß Du mich liebst ..." Erich Maria Remarque – Marlene Dietrich. Zeugnisse einer Leidenschaft. Herausgegeben von Wernder Fuld und Thomas F. Schneider. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2001

Hilde Domin: Die Liebe im Exil. Briefe an Erwin Walter Palm aus den Jahren 1931-1959. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2009

Gero von Boehm: Begegnungen. Menschenbilder aus drei Jahrzehnten. Collection Rolf Heyne, München, 2012

Michael Jürgs: Der Tag danach. Deutsche Biografien. C. Bertelsmann Verlag, München, 2005

Ilse Kienzle: Die Frau des Journalisten. Eine etwas andere Liebesgeschichte. sagas edition, Stuttgart, 2014

 

 

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September 2014

 

05. September 2014 | 1 Kommentar

Die Highland-Saga um Jamie und Claire: Schmöker für lange Herbstabende

Für mich gibt es kaum etwas Entspannenderes als einen guten Roman am Abend nach getaner Arbeit. Ein Glas Wein dazu, Kaminofen an, Sofa, Decke über die Füße, und der Kater schnurrend obendrauf. Aber gute Romane gibt's nicht so oft. Viele ersticken mittendrin in Trivialität, können den Spannungsbogen nicht halten oder verlieren unterwegs die Handlung. 

Deshalb war ich skeptisch, als meine Freundin mir vor einigen Jahren von einem ganzen Romanzyklus vorschwärmte, der sie und ihren Mann – alles andere als ein Bücherwurm – seit Tagen daran hinderte, sich anderen Aufgaben zu widmen. Nächtelang würden sie festhängen in dieser Geschichte, habe man den einen Band durch, könne man kaum erwarten, den nächsten in die Finger zu bekommen. Vier Folgen waren zu dieser Zeit erschienen. Es sei ein bisschen Fantasy dabei, aber richtig gut geschrieben und vor allem sehr deftig in den Schilderungen, auch der Sex-Szenen. Die Autorin? Mir bis dahin völlig unbekannt: Diana Gabaldon. Die Story: Die (mittlerweile sagenhaft berühmte) "Highland-Saga" um Claire Beauchamps Randall und Jamie Fraser. 

Oha. Fantasy? Nicht mein Ding. Sex-Szenen? Meistens eine Mischung aus zu schwülstig oder zu obszön. Selten wirklich gut geschrieben. Ich zögerte. Aber nun gut. Der Winter war lang. Die Abende auch. Einen Vesuch war's wert. Was soll ich sagen? Es ging mir wie den beiden: Ich kam nicht mehr los von diesen Büchern. Die 800 Seiten des ersten Bandes ("Feuer und Stein") verschlang ich in zwei Tagen. Netterweise hatte mir meine Freundin Band 2 ("Die geliehene Zeit") gleich mitgegeben. Auch diese 992 Seiten – zack, und weg. Auf ex. Ich war angefixt. Süchtig geworden. Nach dieser süffigen Sprache, den intelligenten Dialogen, diesen beiden sympathischen Helden mit ihrer wirklich sagenhaft spannenden Story:

Claire, die im 2. Weltkrieg als Krankenschwester gearbeitet hat, verbringt im Jahr 1946 Ferientage mit ihrem Mann Frank Randall in den schottischen Highlands. Beim Spazierengehen kommt sie einem der dort häufig anzutreffenen Steinkreise nahe, berührt einen der Steine, wird ohnmächtig, und als sie wieder erwacht, befindet sie sich im Schottland des 18. Jahrhunderts, mitten im Schlachtgetümmel schottischer Rebellen. Sie ist – was sie vorher natürlich nicht wusste – eine Zeitreisende, die sich mit Hilfe von Edelsteinen über die Steinkreise 200 Jahre zurückversetzen kann. Dort begegnet sie dem Mann ihres Lebens, einem hochgewachsenen Schotten mit feuerrotem Haarschopf: Jamie. Ein Prachtexemplar von Mann, mit allem, was dazugehört. Sturkopf inklusive. 

Es würde zu lange dauern, hier die ganze Geschichte in all ihren Facetten auszubreiten. Aber eines steht fest: Sie ist ein opulentes Gemälde der damaligen Zeit mit ihren Sitten und Gebräuchen, vor allem aber ihrer Historie. 

Nach den ersten beiden Bänden gab es für mich natürlich kein Halten mehr. Es folgten in zügiger Folge "Ferne Ufer" (1088 Seiten), "Der Ruf der Trommel" (1200 Seiten), und "Das flammende Kreuz" (1280 Seiten). Dann war erstmal Schluss –und ich auf Entzug, weil bis dahin nur diese Bände erschienen waren. Aber die nächste Folge war beim Verlag bereits angekündigt: "Ein Hauch von Schnee und Asche" (1312 Seiten), gefolgt von "Echo der Hoffnung" (1024 Seiten). Und jetzt – im Juli 2014: "Ein Schatten von Verrat und Liebe" (992 Seiten). Kein Wunder, dass dieser Schmöker unverzüglich Platz 1 der SPIEGEL-Bestseller-Liste eroberte und sich seither dort auch hält. 

Natürlich haben diese Bücher auch ihre Schwächen – die größte besteht darin, dass Diana Gabaldon die Geschichte mittlerweile doch sehr in die Länge zieht, sie immer detaillierter auffächert, was dazu führt, dass man leicht mal den Überblick verliert. Wer hat jetzt mit wem und wann und warum...??? Was in den ersten Bänden einen ziemlich großen Zeitraum umfasste und die Story dadurch entsprechend dynamisch machte, dehnt sich jetzt in Band 8 über wenige Jahre. Aber dennoch ist es bewundernswert, wie präzise Diana Gabaldon das ganze Panorama dieses Familienepos in den historischen Zusammenhang stellt und vor ihren LeserInnen ausbreitet. Sie erzählt nicht nur von der Feindschaft zwischen Schottland und England (und ich musste an Jamies Patriotismus und Vaterlandsstolz denken, als ich jüngst in der Zeitung las, dass Schottland sich mal wieder von England lossagen möchte...), sondern auch vom amerikanischen Bürgerkrieg, in den Claire und Jamie verstrickt werden (in Band 8 begegnen sie George Washington...!), wobei dieses Mal nicht Jamie (der sich immer heldenhaft tapfer aus allen Kalamitäten zu befreien weiß), sondern Claire schwerst verwundet wird und nur durch abenteuerliche chirurgische Manöver gerettet werden kann. 

Als Medizin-Journalistin freue ich mich immer wieder an Claires Behandlungskünsten (sie ließ sich in der Welt des 20. Jahrhunderts zur Ärztin ausbilden), wenn sie z. B. einen Wundbrand nach einer dramatischen Amputation mit selbst "gebrautem" Penizillin abwendet! Sehr amüsant zu lesen auch ihre Akupunktur-Therapie gegen Jamies schwere Seekrankheit. Oder der selbst hergestellte Äther als Narkosemittel – damals gänzlich unbekannt und ein Vorgriff auf die Moderne.

Natürlich geht es auch immer wieder um guten Whisky, garniert mit gälischen Flüchen, aber auch um die durchaus vorhandene, sehr romantische Ader der Highlander. Schon immer hatte mich diese raue Landschaft fasziniert, noch nie war ich dort (abgesehen von einer Stippvisite nach Edinburgh). Aber irgendwann wird es mir schon noch gelingen: Dann wandele ich auf den Spuren von Claire und Jamie zum Craigh na Dunn, diesem rätselhaften Steinkreis, wo diese Saga ihren Anfang nahm.  

Viel zu schnell hatte ich mich durch die 992 Seiten von Band 8 durchgefressen. Tröstlich zu wissen: Diana Gabaldon arbeitet bereits an Band 9. So manches wird dann seine Auflösung finden, was bis jetzt noch verrätselt blieb. Und so manches andere wird wohl ungeklärt bleiben, denn es muss ja auch noch Band 10 geben. Und Band 11. Und so weiter. Ich bin gespannt, ob Diana Gabaldon ihre beiden Helden jemals wird sterben lassen können. Es wird mir auf jeden Fall schier das Herz brechen... 

Diana Gabaldon: Ein Schatten von Verrat und Liebe (aus dem Amerikanischen übersetzt von Barbara Schnell, die seit Band 4 zuverlässig die richtigen Worte für Diana Gabaldons kraftvolle Sprache findet), Blanvalet Verlag, 992 Seiten, 24,99 Euro. 

 

Kommentare

 

Antje 09. September 2014, 23:57 Uhr

Bevor ich 2010 für ein Jahr nach Schottland ging, hab ich mir die ersten beiden Bücher zur Einstimmung als Hörbuch zu Gemüte geführt - auf Englisch bzw. Schottisch, mein Hauptinteresse war, mich ein wenig einzuhören, und das hat prima geklappt! Zwei Bücher lang war ich begeistert, aber beim dritten hab ich dann genug gehabt.

 

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