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FrolleinDoktor

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Mai 2015

 

12. Mai 2015 |

Tiziano Terzani – unvergessen

Er ist im Journalismus eines meiner ganz großen Vorbilder, auch wenn ich niemals seine Meisterschaft im Erzählen erreichen werde: Tiziano Terzani. Trotzdem hat er mich und mein Leben seit Jahrzehnten bereichert, seine SPIEGEL-Reportagen habe ich schon als junge Frau verschlungen. Er hat mir Asien nahegebracht, China vor allem, dieses Land, das er geliebt und dessen Machthaber ihn gehasst haben. 

Ich habe so gut wie alle seine Bücher im Schrank und natürlich alle gelesen, seit seinem Tod noch intensiver, immer wieder. 

"Fliegen ohne Flügel", das ist die Geschichte der Folgen einer Prophezeiung, die ein alter Chinese Terzani schon 1976 mit auf den Weg gegeben hatte: "Im Jahr 1993 darfst Du nicht fliegen. Nicht ein einziges Mal!" Für einen Auslandskorresponten eine schier unmögliche Herausforderung.

Nicht so für Tiziano Terzani. Er machte eine Tugend daraus und reiste per Bahn, Schiff und Auto von Thailand über Kambodscha, Birma, Laos, Malaysia, Vietnam und China nach Berlin. Und von La Spezia aus mit dem Schiff zurück nach Malaysia. Es ist ein Abschied von einer Kultur, wie es sie heute nicht mehr gibt. Ein Abschied von dem Asien, das Terzani noch kannte und liebte, das wir heute nur noch ahnen können. Und gerade deshalb eines meiner erklärten Lieblingsbücher. 

Deshalb passt ein anderes Buch dazu wie kaum eines sonst: "Asien, mein Leben". Es sind die großen Reportagen Terzanis, die hier von seiner Frau Angela und dem früheren SPIEGEL-Redakteur Dieter Wild zusammengestellt wurden. 

Vietnam, Laos, Kambodscha, China, Nordkorea, Japan, Hongkong, Macao, Philippinen, Burma, Indien, Sri Lanka und Nepal hat Terzani bereist – denn das Reisen war sein Leben. Er war unterwegs, immerzu. Es sind Reportagen, die allen Medienschaffenden zur Pflichtlektüre werden sollten – können sie daran doch erkennen, worauf es ankommt bei dieser Königsdisziplin des Journalismus. 

 

Dazu gehört auch der Band "Meine asiatische Reise". Tiziano Terzanis Sohn Folco hat hier aus dem Nachlass Fotografien und Texte zusammengestellt, "aus einer Welt, die es nicht mehr gibt". Sie bringen uns ein Asien nahe, das wir in dieser Form zwar nicht mehr wiederbeleben können, das uns aber zeigt, welche Faszination immer noch von diesem Kontinent ausgeht. Es sind Bilder der Zerstörung, aber auch des Aufbaus, vor allem aber: der Liebe zu den Menschen in diesen Ländern. 

 

 

Und besonders dankbar bin ich Angela Terzani Staude, dass sie uns die Tagebücher ihres Mannes zugänglich gemacht hat, die dieser zwischen 1981 und 2003 geführt hat. Sie selbst schreibt in ihrem Vorwort dazu: "Ich finde es schön, heute in den Tagebüchern auch diese seine andere Stimme vernehmen zu können, die zornige, zweifelnde, leidende, die den Kontrapunkt zu der kräftigen und überzeugten Stimme bildet, mit der er sich der Welt präsentierte. Es ist, wie die ins Dunkel der Erde hinabreichenden Wurzeln eines Baumes zu entdecken, der seine Wipfel dem Himmel entgegenreckt." Es sind, wie sie schreibt, "Begegnungen, Eindrücke, Überlegungen, Interviews, Hintergründe des politischen Geschehens, Spaziergänge durch alte und neue Welten, Tiere, Sonnenauf- und -untergänge, Briefe an die Familie ...".

Wer Tiziano Terzani noch nicht kennt, dem seien diese Bücher ganz besonders ans Herz gelegt, und natürlich ebenso alle seine Werke. 

Tiziano Terzani: Fliegen ohne Flügel. Eine Reise zu Asiens Mysterien. Hoffman und Campe Verlag, Hamburg, 2005

Tiziano Terzani: Meine asiatische Reise. Fotografien und Texte aus einer Welt, die es nicht mehr gibt. Ausgewählt von Folco Terzani. Deutsche Verlags-Anstalt, München, 2010  (in Kooperation mit dem SPIEGEL-Buchverlag)

Tiziano Terzani: Asien, mein Leben. Die großen Reportagen. Herausgegeben von Angela Terzani Staude und Dieter Wild. Deutsche Verlags-Anstalt, München, 2008 (in Kooperation mit dem SPIEGEL-Buchverlag)

Tiziano Terzani: Spiel mit dem Schicksal. Tagebücher eines außergewöhnlichen Lebens. Vorwort von Angela Terzani Staude. Herausgegeben von Àlan Loreti. Deutsche Verlags-Anstalt, München, 2014

 

 

Januar 2015

 

05. Januar 2015 |

Bücher für besinnliche Stunden – nicht nur, aber auch im neuen Jahr

Weihnachten – das ist ja immer auch das Fest der Besinnung, der inneren Einkehr und Ruhe. Sollte es jedenfalls sein. Da bei uns dieses Mal keine großen Familientreffen anstanden, kam ich tatsächlich auch dazu. Vor allem zu Büchern, die schon seit langem auf meinem Nachttisch liegen, aber nur allzu oft dann doch der so dringend benötigten Nachtruhe zum Opfer fielen. 

Dazu gehören drei große Liebesgeschichten: die von Consuelo und Antoine de Saint-Exupéry, die von Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque, und die von Hilde Domin und Erwin Walter Palm. 

"Eine legendäre Liebe", das ist die Geschichte der Amour fou zwischen dem "Vater" des "kleinen Prinzen" und der spanischen Schriftstellerin und Malerin Consuelo Suncin Sandoval de Gómez, Witwe eines der berühmtesten lateinamerikanischen Journalisten und Diplomaten Enrique Gómez Carillo (1873-1927). Sie wird erzählt von Consuelos Privatsekretär und Assistenten José Martinez Fructuoso, der sie bis zu ihrem Tod 1979 begleitete und als Alleinerbe ihr Privatarchiv verwaltet. 

In diesem wunderbar reich bebilderten Buch kommen einem diese beiden Menschen nahe, auf eine so intime und doch respektvolle Art und Weise, wie ich es selbst in einer Biographie erlebt habe. Das ist umso wertvoller, als die Ehe der beiden von der Familie Saint-Exupéry mehr oder weniger verschwiegen wird. Consuelo wird ausgegrenzt, angeschwärzt, verleumdet. 

Dieses Buch ist die ideale Ergänzung zu Consuelos Erinnerungen an ihre Zeit mit Saint-Exupéry "Die Rose des kleinen Prinzen" und ihre "Sonntagsbriefe" – Briefe, die sie an Antoine während des Krieges schrieb und die sie ihm nach seiner Rückkehr geben wollte. Alle drei Bücher sind Zeugnisse einer großen, einmaligen Liebe. 

Dass die Schauspielerin Marlene Dietrich eine langjährige, innige Beziehung mit dem Schriftsteller Erich Maria Remarque (Autor von "Im Westen nichts Neues", "Drei Kameraden", "Zug nach Lissabon", "Arc de Triomphe", "Zeit zu leben, Zeit zu sterben") hatte, ist hinlänglich bekannt. Nicht jedoch die Liebesbriefe, die sich die beiden geschrieben haben. Sie wurden erstmals 2001 bei Kiepenheuer & Witsch in dem mit vielen Fotos und Dokumenten versehenen Band "Sag mir, daß Du mich liebst" veröffentlicht.

Dieses Buch erlaubt nicht nur einen tiefen Einblick in das gemeinsame Leben der beiden, sondern auch in die Zeit zwischen 1937 und Anfang der 1940er Jahre. Aber auch nach ihrer Trennung blieben beide weiterhin verbunden – bis zu Remarques Tod 1970. 

 

 

 

Und noch einmal Briefe: Diesmal von Hilde Domin an ihren Mann Erwin Walter Palm, die sie zwischen 1931 und 1959 geschrieben hat. Sie geben nicht nur Auskunft über eine leidenschaftliche Liebesbeziehung, sondern auch über die verschiedenen Stationen des Exils, das Hilde Domin auf sich nehmen musste: von Italien in die Karibik nach Santo Domingo und 1954 wieder zurück nach Deutschland.

Dieses Buch ist keines, das man mal eben so wegliest. Aber es ist wie geschaffen für diese ruhige, besinnliche Zeit "zwischen den Jahren". Mit diesen Briefen wird die wunderbare Lyrik Hilde Domins noch einmal ganz neu verstehbar – ich lese sie seither mit neuem, besseren Verständnis. 

 

 

Und weil es mir Biografien schon immer angetan hatten, hier noch drei Buchtipps, die zeitlos lesenswert bleiben: 

Gero von Boehm bin ich schon zu Beginn der 1980er Jahre erstmals begegnet – in der Folge habe ich mich bemüht, keinen seiner Filme zu versäumen. Weil sie einfach unschlagbar gut sind. Glücklicherweise hat er aus seinen unzähligen Begegnungen ein Buch gemacht, das auch so heißt: "Begegnungen". Es sind "Menschenbilder aus drei Jahrzehnten", ein "Who is Who" des 20. und der ersten Jahre des 21. Jahrhunderts: Henry Moore über Gerd Bucerius bis zu Lilli Palmer, Ruth Westheimer, Marianne Hoppe, Alfred Herrhausen, Ernst Jünger, Gisèle Freund, Eugène Ionesco, Marion Gräfin Dönhoff, Harry Belafonte, Iris Berben, Martina Gedeck, Otto Sander, Peter Handke, Reinhold Messner, Joschka Fischer, Ulrich Tukur, Georg Stefan Troller, Charlotte Rampling – um nur eine kleine Auswahl zu nennen.

Die Art, wie Gero von Boehm diese Interviews führt, ist mir zum Vorbild für meine eigene Arbeit geworden: freilassend, aber auch nachfragend, wo sich durch einen Satz, eine Geste, ein Ansatzpunkt bietet, immer im Bemühen, das Gegenüber verstehen und dadurch auch dem Leser bzw. Zuschauer nahebringen zu wollen. Wie schön deshalb, dass den Interviews jeweils eigene Tagebuchnotizen von Boehms beigestellt sind. 

Und dann noch ein weiterer Kollege, dessen journalistische Schreibkunst ich sehr schätze: Michael Jürgs. Er hat Menschen besucht, denen etwas zugestoßen ist, das ihr Leben von einer Stunde auf die andere verändert hat: bei Rudolf Scharping war es ein Sturz vom Fahrrad, bei dem er nur knapp mit dem Leben davonkam; für Anna Augstein war es der Tod ihres Mannes, des SPIEGEL-Gründers Rudolf Augstein; der frühere BKA-Chef Horst Herold wird den 17. September 1977 nie vergessen. Und so schildert Jürgs Tage im Leben von Menschen, die das Glück fanden oder gerade verloren hatten, deren Lebensweg sich von jetzt auf gleich veränderte. Es sind Geschichten "vom Verlust der Macht und dem Ende einer Liebe, vom schnellen Tod und einem neuen Leben", es sind "deutsche Biografien", wie es im Untertitel heißt. 

 

Ulrich Kienzle ist für die meisten Menschen meiner Generation ein Begriff: Seine Fernseh-Reportagen aus dem Nahen Osten haben uns über Jahrzehnte begleitet. Jetzt hat seine Frau Ilse die Geschichte ihres gemeinsamen Lebens aus ihrer Sicht aufbereitet. Und es ist ja gerade diese Sicht von einer ganz anderen Perspektive auf ein so bewegtes Leben, die so reizvoll ist. 

Noch dazu, wenn man so leichtfüßig und spannend schreiben kann wie Ilse Kienzle. Sie nimmt uns mit auf die Reise durch die vielen Stationen an der Seite eines Auslandskorrespondenten, durch die Krisensituationen im Libanon, Ägypten und Südafrika. Sie beschreibt ebenso unterhaltsam wie ernst den Beginn der legendären Fernsehreihe "Kienzle & Hauser" 1993, die trotz des immer wieder aufflackernden Widerstands Ulrich Kienzles 290 Sendungen andauerte. 

Ilse und Ulrich Kienzle sind seit 48 Jahren verheiratet. Wer dieses Buch liest, weiß, warum. 

José Martinez Fructuoso und Alain Vircondelet: Antoine und Consuelo de Saint Exupéry. Eine legendäre Liebe. Verlag Antje Kunstmann, München, 2006

"Sag mir, daß Du mich liebst ..." Erich Maria Remarque – Marlene Dietrich. Zeugnisse einer Leidenschaft. Herausgegeben von Wernder Fuld und Thomas F. Schneider. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2001

Hilde Domin: Die Liebe im Exil. Briefe an Erwin Walter Palm aus den Jahren 1931-1959. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2009

Gero von Boehm: Begegnungen. Menschenbilder aus drei Jahrzehnten. Collection Rolf Heyne, München, 2012

Michael Jürgs: Der Tag danach. Deutsche Biografien. C. Bertelsmann Verlag, München, 2005

Ilse Kienzle: Die Frau des Journalisten. Eine etwas andere Liebesgeschichte. sagas edition, Stuttgart, 2014

 

 

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