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Februar 2015

 

09. Februar 2015 |

Musik für die Seele

Aus der Not eine Tugend machen – das muss Christoph Lieben-Seutter, der Generalintendant der Elbphilharmonie & Leiszhalle, schon seit geraumer Zeit. Seit eben feststand, dass sich die Eröffnung des zweiten Hamburger Wahrzeichens (neben dem Michel) um Jahre verzögern wird. Seit 2013 hat diese Tugend einen besonders stimmungsvollen Ableger: den Musikzyklus "Lux aeterna". Es findet statt zu einer Zeit, in der wir uns besonders nach mehr Licht und Wärme sehnen, in der der Winter oft quälend lang wird: im Februar, konkret vom 3.2. bis 2.3.2015. Es ist ein Monat, in dem Weihnachten schon wieder weit weg, der Frühling aber noch nicht da ist. In Hamburg ist der Februar oft besonders grau und trist und kalt und neblig und nass. 

Umso willkommener ist in so einem Monat Musik, die von innen wärmt. In diesem Jahr bietet "Lux aeterna" insgesamt 25 Konzerte und eine Tanzproduktion, die einen großen Bogen spannen "von der Musik des Reformationszeitalters über die zeitlos mystischen Klänge des Mittleren Ostens bis zu nachdenklicher aktueller Popmusik", wie Christoph Lieben-Seutter im Programmheft eingangs schreibt. Für ihn steht bei "Lux aeterna" spirituelle Musik im Mittelpunkt: "Musik, die uns innerlich erleuchtet, aber auch Gelegenheit bietet, uns jenseits des hektischen Alltags mit den grundlegenden Fragen des Daseins zu beschäftigen." 

Tan Dun schöpft mit den Händen das Wasser und lässt es wieder in die Schale hinabrieseln – Teil seiner "Water Passion". 

Schon mit dem Auftakt-Konzert gelang das aufs Feinste: Der aus China stammende Komponist und Dirigent Tan Dun leitete selbst seine "Water Passion" aus dem Jahr 2000, ein Auftragswerk der Internationalen Bach-Akademie anlässlich des 250. Todestages von Johann Sebastian Bach. Vier moderne Komponisten waren damals gebeten worden, zu den vier Evangelien neue Passionen zu schreiben, Tan Dun war hier für das Matthäus-Evangelium zuständig. Anders als Bachs Matthäus-Passion ist seine "Water-Passion" aber bei aller Dramatik und Schwere um den Leidensweg Christi und dessen Tod auch ein Werk voller Lebensfreude und Leichtigkeit, voller Licht und Zuversicht. Der Clou sind insgesamt 17 zu einem großen Kreuz angeordnete, von unten illuminierte Wasserschalen, die den Chor, die beiden Sänger (Sopran und Bass), drei Percussionisten und Instrumentalisten in vier Räume teilen. 

In breitem Schwall fließt das Wasser aus einem Sieb in die Schale zurück – und erzeugt dabei eine ganz eigene Geräuschkulisse. 

Und natürlich hat das Werk seinen Namen nicht ohne Grund: Das Wasser spielt darin eine zentrale Rolle. Zum einen als Klanggeber, indem die Percussionisten es tröpfeln und gluckern, rauschen und rieseln lassen. Zum anderen aber auch als Sinnbild für das Leben schlechthin, aus dem alles kommt, in dem alles strömt, und ebenso für Blut und Tränen. 

Tan Duns "Water Passion" ist ein Fest für alle Sinne. Er setzt nicht nur die Klangkörper raffiniert in Szene – von Gongs, Klangschalen, Waterphones und allerlei Schlagwerk, sondern auch das Licht und die Stimmen. Der Sopran (Maria Chiara Chizzoni) darf sich in höchste Höhen schwingen, der Bass (Stephen Bryant) in tiefste Tiefen und ebenso in geheimnisvollen Obertongesang. Der Chor (Internationale Chorakademie Lübeck) singt nicht nur, sondern ist ein Klangkörper für sich. Dass das Werk in einer Kirche (St. Katharinen) aufgeführt wurde, verlieh dem ganzen den passenden Rahmen.

Weitere Informationen zu den Aufführungen im Rahmen von "Lux aeterna" unter www.lux-aeterna-hamburg.de
 

(c) Fotos: Nana Watanabe

 

 

Juli 2013

 

22. Juli 2013 |

Eine Pionierin der modernen Kunst

Hilma af Klint – diesen Namen kannte bis vor kurzem kaum jemand. Auch ich bin erst vorletztes Jahr auf diese Frau aufmerksam geworden, im Rahmen einer Reise nach Järna in Schweden, rund 50 km südlich von Stockholm. Dort gab es im Sommer 2011 mit "See! Colour!" eine der seltenen Präsentationen der Lichtkunst von James Turrell. Sein "Skyspace" ist dort geblieben und kann auf Anmeldung auch besucht werden. Wer in Stockholm ist, sollte sich diese Erfahrung nicht entgehen lassen.

Das Kulturzentrum von Järna zeigte in diesem Zusammenhang auch einige Bilder der schwedischen Malerin Hilma af Klint (1862-1944, Foto links). Die Tochter eines Kapitäns hatte – als erste Künstlerin überhaupt – schon 1906 abstrakt gemalt, lange vor Kandinsky und Mondrian, deren erstes abstraktes Werk auf 1910 datiert wird und die deshalb als Wegbereiter der Moderne galten. Hilma af Klint wurde zu ihrer Zeit als Künstlerin jedoch nicht wirklich wahrgenommen – sie stellte kaum aus, weder in ihrer Heimat Schweden noch in Europa. Das trug dazu bei, dass ihr Werk nahezu vollkommen in einer Hand erhalten geblieben ist – ihr Nachlass gehört einer schwedischen Stiftung, die in Järna ansässig ist. 1986 wurden einige wenige Bilder in einer Ausstellung in den USA gezeigt. Bis heute blieb ihr umfangreiches Schaffen jedoch weitgehend unbekannt. Der Schatz ihres rund 1200 Bilder und Skizzenblöcke umfassenden Werkes wurde erst vor kurzem entdeckt und gehoben. Noch bis Oktober ist er jetzt in Berlin in einer umfassenden Retrospektive zu bewundern.

 

Hilma af Klint: "Die zehn Größten", Nr. 2: Kindheit, Gruppe IV 1907

Rund 200 Bilder sind im Hamburger Bahnhof zu sehen – und sie zeigen augenfällig, wie sehr die abstrakte Malerei der damaligen Zeit in der Spiritualität verwurzelt ist. Hilma af Klint hatte zu Beginn des Jahrhunderts gemeinsam mit vier anderen Frauen einen Zirkel gebildet („De Fem“ – die Fünf“), der sich regelmäßig zu spiritistischen Séancen traf, um Kontakt mit der geistigen Welt aufzunehmen. In zahllosen Skizzenbüchern hat sie ihre Eindrücke und Wahrnehmungen festgehalten. Sie ging davon aus, dass es jenseits der sichtbaren Welt eine geistige Realität gäbe, die sie in ihren Bildern zu visualisieren suchte.

Hilma af Klint: "Die zehn Größten", Nr. 3: Jünglingsalter, Gruppe IV, 1907

Hilma af Klint interessierte sich für Theosophie und Anthroposophie. Rudolf Steiner begegnete sie erstmals 1908, in den 1920er Jahren reiste sie mehrfach nach Dornach ans Goetheanum, wo sie sich auch intensiv mit Heilpflanzen und deren Eigenschaften befasste. Auch Rudolf Steiner selbst interessierte sich für ihr Werk, warnte sie aber, sich nicht zu früh damit unter die Menschen zu wagen: „Was Sie hier malen, werden die Menschen frühestens in 50 Jahren verstehen“, soll er zu ihr gesagt haben. Diese Äußerung führte mit dazu, dass Hilma af Klint verfügte, dass ihr Oeuvre erst 20 Jahre nach ihrem Tod einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden durfte.

Hilma af Klint: "Die Evolution", Nr. 15, Gruppe VI, Serie WUS/Der Siebenstern, 1908

Die Berliner Ausstellung, die zuvor in Stockholm gezeigt wurde und später nach Malaga ins Museum Picasso sowie nach Kopenhagen und in die USA wandern wird, beginnt im ersten Raum mit 26 noch kleinformatigen Zeichnungenaus 1906 und 1907 in vorwiegend Grün, Blau und Gelb: „Urchaos“. Es sind Kreise, Spiralen, Wellen, Linien – Elemente, die sich später in all ihren abstrakten Gemälden wiederfinden.

Der Weg durch die Ausstellung führt dann an Joseph Beuys’ „Ende des 20. Jahrhunderts“ vorbei (auf dem Boden liegenden zerbrochenen Sandstein-Brocken, die einen ganzen Raum füllen) – nicht ohne Grund, denn auch in dem dahinter liegenden Raum gibt es eine spannende Gegenüberstellung: vier abstrakte Werke von Hilma af Klint begegnen Pflanzenbetrachtungen von Beuys, mit Ausblick auf die weitere Beuys-Sammlung der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – eine glückhafte Fügung.

Richtig spannend wird es jedoch, wenn man die Treppe hochgeht in den 1. Stock – nur für diese Räume war die Ausstellung ursprünglich geplant, musste dann jedoch wegen der Fülle der Bilder ergänzt werden durch die unteren Räumlichkeiten (was dem Kunstgenuss eher zu- als abträglich ist). Im 1. Stock begrüßen den Betrachter zehn monumentale Werke af Klints – drei Meter hoch, über zwei Meter breit, auf Papier gemalt und jetzt kunstgerecht restauriert und auf stabile Rahmen gezogen. In diesen 10 Werken stellt die Malerin die Entwicklung des Menschen von der Kindheit bis zum Greisenalter dar – mit Kreisen und Symbolen, mit Buchstaben und Kringeln, und immer wieder mit verblüffenden naturwissenschaftlichen Details (zum Beispiel der samenumschwirrten Eizelle im ersten Bild „Das Kindesalter“). "1907, als Hilma af Klint diese Werke schuf, waren solche Formate nur aus der Historienmalerei bekannt, aus der Darstellung also von Göttern, Königen oder Generälen“, schreibt die Leiterin des Kunst-Ressorts, Julia Voss, in einem höchst lesenswerten Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 20.2.2013 unter der wegweisenden Überschrift „Die Kunstgeschichte muss umgeschrieben werden“.

Hilma af Klint: "Der Schwan Nr. 17", Gruppe IX, Serie SUW, 1914/15

Ein weiterer Höhepunkt sind die drei „Altarbilder“ im letzten Raum der Ausstellung auf tiefviolett gestrichenen Wänden. Sie zeigen gleichschenklige Dreiecke, deren Spitze mal nach oben, mal nach unten orientiert ist und die, so der Katalog zur Ausstellung, „die Bewegung des Geistes von oben durch die irdische Materie und zurück beschreiben oder übereinandergelegt zum sechszackigen Stern verschmelzen, einem esoterischen Symbol für das Universum.“

Hilma af Klint: "Altarbild Nr. 1", Gruppe X, 1915

Es ist einer der größten Glücksfälle der Kunstgeschichte, dass Hilma af Klint ihren Nachlass ihrem Neffen vermachte, der ihn in eine Stiftung überführte. Dort wurde das Werk über Jahrzehnte hinweg zusammengehalten und bewahrt. Kein Sammler, kein Spekulant konnte sich dieser Gemälde, Zeichnungen, Skizzenbücher und Aquarelle bemächtigen – und es bleibt zu hoffen, dass die Stiftung stark und standhaft genug bleibt, keinem noch so lukrativen Angebot zu erliegen und stattdessen dieses einzigartige Werk später in einem Hilma-af-Klint-Museum vollständig und dauerhaft ausstellt.

Hilma af Klint: "Standpunkt Buddhas auf der Erde", Serie II, Nr. 3a, 1920

Bis dahin kann nur wärmstens empfohlen werden, den Weg nach Berlin anzutreten und sich diese Ausstellung anzusehen. Sie wird noch bis zum 6. Oktober 2013 gezeigt in der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin, Invalidenstraße 50-51. Geöffnet Di/Mi/Fr 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr. Mo geschlossen. Kostenlose öffentliche Führungen immer mittwochs, 16-17 Uhr. Der sehr schön gedruckte und lesenswerte Katalog (296 Seiten) erschien im Verlag Hatje Cantz und kostet 39,80 Euro.

Weitere Informationen über www.hilmaafklintinberlin.de.

(C) alle Fotos: Stiftelsen Hilma af Klints Verk, Fotos: Albin Dahlström

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