-
FrolleinDoktor

Lektüre ohne Risiken, aber mit Nebenwirkungen. Rezeptfrei in Ihrem Internet. Immer wieder zu durchstöbern. Machense sich doch schon mal frei.

März 2018

 

09. März 2018 |

Die Schimpansen-Frau: Jane Goodall

"Allmählich war ich in der Lage, weiter und weiter in eine magische Welt einzudringen, die noch kein Mensch zuvor erkundet hatte: Die Welt der wilden Schimpansen." Jane Goodall

Jane Goodall mit Flint, dem Sohn der Schimpansin Flo, zu der sie eine besondere Beziehung entwickelte.

In diesen Tagen kommt ein bemerkenswerter Film über eine bemerkenswerte Frau in die Kinos: "Jane", ein Dokumentarfilm über die Schimpansen-Forscherin Jane Goodall. Der Regisseur Brett Morgen erzählt die Geschichte der weltbekannten Spezialistin von den ersten Anfängen in Tansania 1960 bis 1991, als sie das Roots & Shoots Jugendarbeits- und Aktionsprogramm gründet. Heute führen die mittlerweille 83-Jährige Vortragsreisen rund um die Welt. Seit 2002 ist Jane Goodall Friedensbotschaftterin der UNO. 

Das Faszinierende an diesem Film ist, dass er aus mehr als 100 Stunden bisher unveröffentlichtem Filmmaterial zusammengestellt wurde, das über 50 Jahre in den Archiven von National Geographic. Man sieht, wie Jane durch die Wälder streift, auf der Suche nach den scheuen Schimpansen. Wie sie mit unglaublicher Geduld immer und wieder auf sie wartet, bis die Menschenaffen sich so an diesen weißen Artgenossen gewöhnt haben, dass sie zutraulich wurden und immer näher herankamen, bis sie keine Scheu mehr kannten. Sie sagt über diese Zeit: "Ich wurde völlig in diese Wald-Existenz hineingesogen. Es war eine unvergleichliche Zeit. Als Alleinesein eine Lebensweise war." 

Jane Goodall hat als 26-Jährige in der Wildnis geforscht, zu einer Zeit, als das für Frauen mehr als ungewöhnlich war, noch dazu ohne Universitätsabschluss – wohl aber mit den besten Voraussetzungen für ein derart unbeackertes Feld wie die Primatenforschung: Neugier, Geduld, Sorgfalt, Detailgenauigkeit und vor allem eine unendliche Liebe zu den Tieren und der Natur. Ihre Beobachtung, dass Schimpansen Grashalme als Werkzeuge gebrauchen, um Termiten aus ihren Löchern zu pulen, macht weltweit Schlagzeilen. Ihre Entdeckungen veränderten den Blick auf die Tiere, auf die Welt. 

Hugo van Lawick in Tansania in Janes Schimpansen-Station in Gombe in Tansania.

Der Film dokumentiert auch die Liebe zwischen Jane und dem holländischen Tierfilmer Hugo van Lawick, den National Geographic 1962 zu ihr nach Tansania schickt, um ihre Arbeit zu dokumentieren. Die beiden heiraten 1964 und bekommen 1967 einen Sohn – Grub –, der heute als Bootsbauer in Dar es Salaam lebt. Aber Anfang der 1970er Jahre streicht National Geographic ohne nähere Angabe von Gründen den Auftrag an Hugo, er muss sich andere Betätigungsfelder suchen und arbeitet nun vorwiegend in der Serengeti. Als eine Polio-Epidemie unter den Schimpansen rund um Janes Station ausbricht, muss Jane zurück zu ihrer Station. Kurze Zeit später trennt sich die Herde in zwei Teile, und zwischen beiden bricht Krieg aus, aus dem nur eine Gruppe als Sieger hervorgeht. Es sind Ereignisse, die Jane zutiefst erschüttern, und ihr ist klar, dass es für sie nur ein Zuhause geben kann: ihre Station. Die beiden lassen sich scheiden, bleiben aber bis zum Tod Hugo van Lawicks 2002 befreundet. 

Jane Goodall und Hugo van Lawick bei der Arbeit.

Dieser Film zeigt auf ebenso schlichte wie bewegende Weise das Lebensmotto Jane Goodalls: "Ich bin eine ganz normale Person, die tut, was sie immer wollte: Draußen im Freien sein, unter den Sternen schlafen, die Tiere beobachten. Ist das möglich? Kann das wirklich ich sein? Ich habe es geschafft. Die Berge und Wälder sind mein Zuhause." Sie sagt weiter: "Zusammen formten die Schimpansen, die Vögel, die Insekten, das wimmelnde Leben des lebhaften Waldes, ein Ganzes. Alle waren Teil des großen Mysteriums. Und ich auch. Die ganze Zeit kam ich den Tieren und der Natur näher und so auch näher zu mir selbst und war im Einklang mit der spirituellen Macht, die ich überall fühlte." 

Das einzige, was mich an dem Film gestört hat – nicht ständig, aber immer wieder, vor allem in den Passagen mit großem Orchester –, war die Musik von Philip Glass, einem Komponisten, den ich ansonsten ungemein schätze. Aber hier drängt sich die Musik manchmal so dazwischen, übertönt die ruhigen Landschafts- und Tieraufnahmen, dass es mir teilweise schmerzlich unangenehm war. 

Jane Goodall mit "David Greybeard", dem männlichen Schimpansen, der als erster seine Scheu verlor und Kontakt mit ihr aufnahm. 

Nichtsdestotrotz: Brett Morgen ist mit diesem Film ein wunderbar sensibles, intimes Portrait einer großartigen Frau gelungen, dem viele, viele Zuschauer zu wünschen sind. Und es ist ein Film, den man gut und gerne mit der ganzen Familie anschauen kann. 

Weitere Informationen: Jane, der Film

Fotos: Copyright Jane Goodall Institute

 

 

Juni 2017

 

15. Juni 2017 |

Volle Dröhnung Percussion

Martin Grubinger und seine Combo mit "The Century of Percussion" in der Elbphilharmonie

Schon als man am 12. Juni den Großen Saal der Elbphilharmonie betrat, war klar: Heute Abend geht hier die Post ab. Die gesamte Bühne steht voller Schlagwerk: von Kochtöpfen und Blechdeckeln über Gongs, Glocken und Pauken bis zu Hangs, Bongos, Marimba- und Vibrafon und natürlich jegliche Art von Trommeln ist hier alles vertreten, worauf man klopfen, trommeln, schlagen kann. 200 Instrumente insgesamt, so erfährt man, sind hier aufgebaut. Sowas fährt nur einer auf: Martin Grubinger. Dieses Mal ist er mitsamt dem Papa, der ebenfalls Schlagzeug spielt, sechs weiteren Percussionisten und acht zusätzlichen Musikern (Trompete, Posaune, Saxophon/Klarinette, E-Bass, Gitarre, Keyboard, Klavier) in die Hansestadt gekommen. Phantastische Musiker allesamt. 

Rund 200 Instrumente stehen für diese Reise durch 100 Jahre Schlagwerk auf der Bühne!

Martin Grubinger senior hat für diese Tournee, mit der die Gruppe derzeit tourt, eine vierteilige Suite komponiert: "The Century of Percussion". Teil 1 "Archaic Rituals" widmet sich den Ursprüngen des modernen Schlagzeugs, dem vor allem ein Werk zum Durchbruch verholfen hat: "Le Sacre du Printemps" von Igor Strawinsky. Dessen eindringliche Rhythmen wiesen dem Schlagwerk in der Musik einen ganz neuen Platz zu und plötzlich eine Hauptrolle neben den Streichern und Bläsern. Mit diesem Werk hatte Strawinsky schlagartig die Moderne eingeläutet. Neoklassik und Spätromantik waren plötzlich nur noch gestrig. 

Teil 2 "Pump up the Rhythm" feiert dann den Rhythmus als Quelle jeglicher Musik, und ganz besonders des Schlagwerks in allen Variationen und Formen. Teil 3 "Minimal Experiences" spielt mit den Prinzien der Minimal Music, während dann Teil 4 "Percussive Trains" mit Volldampf nochmal alle Register zieht, die beim Schlagwerk so möglich sind.

Furioses Finale: Drei Schlagzeuger (v.l.n.r. Alexander Georgiev, Martin Grubinger jun., Rainer Furthner) lassen synchron die neongrünen Schlegel wirbeln und vollführen dabei auch noch allerlei Kunststückchen. Fingerfertigkeit vom Feinsten! 

Es ist ein zweieinhalbstündiges (ohne Pause!) Feuerwerk an Polyrhythmik und -harmonik, dass man schon allein vom Zuhören ganz besoffen wird. Wie diese Musiker die aberwitzigen Variationen der Rhythmik meistern, die Martin Grubinger senior ihnen da zumutet, das ist ganz große Kunst. Wie sensibel er die Kontraste setzt, von den zarten ersten Tönen des "Sacre" bis zu wuchtigen Trommelschlägen oder den meisterhaft aufspielenden Bläsern, die nicht nur einmal den Eindruck erwecken, man habe eine ganze Bigband vor sich. Die wunderbar platzierten Soli, zum Beispiel des Marokkaners Rhani Krija auf arabischen Bechertrommeln oder des Brasilianers Luis Ribeiro mit dem einsaitigen Berimbau, dessen raue Klänge sich mühelos bis unters Dach entfalten, oder auch die von allen gemeinsam gesungenen aztekischen und afrikanischen Volksweisen – das ist Hörgenuss pur. Vom Sound eines leise plätschernden Bächleins bis zu wuchtigen Klang-Tsunamis ist hier alles dabei. Es ist, wie Grubinger sen. bereits in seinen einführenden Worten so treffend ankündigte, "total schräg, total spannend und als pure Energie auf der Haut fühlbar". Kurzum: volle Dröhnung Percussion! 

Und als sei's damit noch nicht genug, zeigt Martin Grubinger im Finale nochmal, was er so in den Fingern und Handgelenken hat, wenn er ganz allein die Trommel rührt, zuerst zart und verhalten, um sich dann, ohne auch nur einmal den Rhythmus zu verlieren, im Tempo bis zu einem rasenden Wirbel zu beschleunigen – atemberaubend! 

Martin Grubinger junior (ganz rechts) und senior (3. von rechts) mit ihrer grandiosen Combo beim Schlussapplaus. 

Bleibt nur zu wünschen, dass irgendeine dieser Live-Performances auf DVD aufzeichnet wird – denn dieser Parforceritt durch ein Jahrhundert Percussion sollte dann doch für die Ewigkeit festgeshalten werden. 

Fotos: Elbphilharmonie, Carola Höhne

 

Seite 1 von 8 Seiten  1 2 3 >  Letzte »