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Mai 2017

 

16. Mai 2017 | 0 Kommentare

Anoushka Shankar in der Elbphilharmonie: Weniger wäre mehr gewesen

Deutlich erkennbar: rundum war die "weiße Haut" des Großen Saales mit Leinwänden abgehängt.

Anoushka Shankar und ihre Musiker auf der Bühne des Großen Saales der Elbphilharmonie (Foto: Daniel Dittus). 

Schon beim Eintreten in den Großen Saal der Elbphilharmonie fällt das umfangreiche Lautsprecher-Equipment auf, mit dem die Bühne für das Konzert mit Anoushka Shankar, Tochter des legendären Ravi Shankar (1920-2012), und ihren drei Musikern bestückt war. Und es fiel auf, dass Teile der "weißen Haut" mit Leinwand abgehängt waren – rundum. Vermutlich ein Tribut der transparenten Akustik des Saales an das Übermaß an Technik, das hier aufgefahren worden war.

Anoushka Shankar mit ihren drei Musikern (Manu Delago an der Hang, Tom Farmer am Bass, Sanjeev Shankar, hier an einem kleinen Xylophon statt der sonst von ihm gespielten Schalmei) bei der Zugabe – und endlich ohne die wuchtige Verstärkeranlage (Foto: Daniel Dittus). 

Völlig überflüssigerweise allerdings, denn die Qualität und Meisterschaft von Shankars Spiel offenbart sich vor allem in den leisen Momenten, wie in der Zugabe, einem Wiegenlied, deutlich wurde. Das hatte endlich die Intimität und vor allem auch die Intensität, die diese Musik verströmen und mit der sie die ZuhörerInnen in Bann schlagen kann. Auch braucht dieser Saal keine Verstärkung – die Sitar wäre ebenso wie die Hang und das Schlagwerk von Manu Delago, die Schalmei von Sanjeev Shankar (einem Schüler Ravi Shankars, aber nicht mit diesem verwandt) und der Bass bzw. das Keyboard von Tom Farmer gut vernehmbar werden. Wo, wenn nicht in diesem Saal könnte man darauf verzichten?! Dass das nicht geschah, war das größte Manko dieses Konzerts, in dem Anoushka Shankar Titel aus ihrer neuen CD "Land of Gold" spielte. 

Sie möchte damit die Weltlage spiegeln, die Flüchtlingssituation, all die Schwierigkeiten, denen wir heute ausgesetzt sind. Die musikalischen Details, die sie in diese Kompositionen eingeflochten hat, das Zusammenspiel mit Manu Delago (der an vielen der Titel kompositorisch beteiligt ist) und den anderen beiden Musikern konnten sich jedoch in der oft übersteuert erscheinenden Verstärkeranlage gar nicht richtig entfalten. Kein Wunder, dass es nicht wenigen Zuhörern zu laut wurde und sie den Saal verließen. 

Schlussbeifall 

Bleibt zu hoffen, dass sie beim nächsten Mal konsequent auf das Technik-Gedöns verzichtet und sich auf das konzentiert, was sie wirklich meisterhaft kann: die Sitar spielen und zusammen mit ihren Musikern eine eigene musikalische Welt kreieren, die atemlos lauschen lässt. 

 

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02. Mai 2017 | 0 Kommentare

Mahlers Achte in der Elbphilharmonie – überwältigend

Es gibt nur wenige Konzertsäle in der Welt, die der achten Sinfonie von Gustav Mahler, diesem monumentalen Werk für großes Orchester, zwei große gemischte Chöre, einen Knabenchor und acht Gesangssolisten (3 Sopranistinnen, 2 Altistinnen, 1 Teno, 1 Bariton, 1 Bass) gewachsen sind. Seit dem 28. April 2017 steht fest: Der Große Saal der Elbphilharmonie gehört dazu. Obwohl schon aufgrund der zuvor hier aufgeführten Konzerte absehbar war, dass der Saal den Anforderungen gewachsen sein würde, war es doch nochmal spannend, wie es sich dann tatsächlich anhören würde. 

Um es vorwegzunehmen: Es war überwältigend. Weniger, weil die Wucht des Klangs hier wirklich Raum hatte, um sich auszubreiten, sondern vielmehr, weil auch noch die zartesten Harfensoli und der feinste Geigenstrich des Konzertmeisters Anton Barakhovsky bis in die letzten Reihen zu hören war. Diese Transparenz des Saales ist immer wieder ein besonderes Erlebnis. 

Das in diesem Fall 131-köpfige Philharmonische Staatsorchester Hamburg nahm den ganzen Bühnenraum ein: mit 3 Konzertmeistern, 18 ersten und 16 zweiten Violinen, 14 Violen, 12 Celli, 10 Kontrabässen, 6 Flöten, 5 Oboen, 6 Klarinetten, 5 Fagotten, 8 Hörnern, 4 Trompeten, 4 Posaunen, 2 Tuben, 3 Pauken, 3 Schlagwerken, 6 Harfen, 2 Mandolinen sowie Klavier, Orgel, Celesta und Harmonium. Die Gesangssolisten standen dahinter, der Chor war auf den Publikumsplätzen des 1. Ranges platziert, die Alsterspatzen etwas weiter rechts. Zusätzlich wurde die Weinberg-Anordnung des Saales musikalisch genutzt: Jeweils am Schluss des 1. und 2. Satzes setzten noch vier Trompeten und drei Posaunen aus den oberen Rängen ein, ebenso eine Sopranistin mit ihrem Solo im 2. Satz. 

Der 81-jährige Mahler-Spezialist Eliahu Inbal, kurzfristig für den erkrankten Kent Nagano als Dirigent eingesprungen, hatte seine über 300 Mitwirkenden gut im Griff – was umso bewundernswerter war, als ja schon bekannt ist, dass die Akustik hier keinen Fehler unentdeckt lässt. Da waberte nichts, da verschmierte nichts – es war einfach nur Klanggenuss pur, von der ersten bis zur letzten Note. 

Auf sieben überlangen Leuchtkästen (Probenfoto oben: Wolf-Dieter Gericke) gab die Bühnenbildnerin und Lichtkünstlerin rosalie einen farbigen Abglanz der Musik. Sie changierten von weiß über blau und grün zu lila und rot, mal flirrend, mal ruhig, mal in voller Länge, mal – vor allem zu Beginn des 2. Satzes mit seinen leiseren Tönen – wie kleine Irrlichter, die von weit her kommen und nur kurz aufleuchten, um dann gleich wieder zu verschwinden. Musik und farbiges Licht standen hier immer wieder in angeregter Zwiesprache. 

Ein musikalisches Großereignis, das Hamburg einmal mehr zur Musikstadt gemacht hat. 

 

 

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