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19. März 2017 | 0 Kommentare

Stimmen des alten und neuen Syrien

Zwei großartige Konzerte im Rahmen des Elbphilharmonie-Festivals "Salam Syria"

Drei Tage lang, vom 16. bis 18. März, stand Syrien im Mittelpunkt der musikalischen Aktivitäten in Hamburg, nicht nur in der Elbphilharmonie, die dieses Festival ins Leben gerufen hatte, sondern auch an anderen Spielstätten der Stadt. Schon im Herbst 2016 hatte sich ein Projektchor aus syrischen und deutschen Laien-SängerInnen gegründet, der jetzt, am 17. März zusammen mit Mitgliedern des Syrian Expat Philharmonic Orchestra auftrat, ebenso wie die NDR Bigband und die Syrian Big Band am 16. März. Diese Konzerte konnte ich aus Zeitgründen leider nicht besuchen, wohl aber "The Voice of ancient Syria" und "Syrien und die Welt" am 18. März im Kleinen und Großen Saal der Elbphilharmonie. 

Moslem Rahal, Feras Charestan, Firas Hassan (v.l.n.r.)

"The Voice of Ancient Syria", das waren die drei Instrumentalmusiker Moslem Rahal mit der Ney, einer Rohrflöte in unterschiedlichen Längen und damit verschiedenen Tonhöhen, Feras Charestan an der Kanun, der orientalischen Zither, und Firas Hassan für die Percussion, die gemeinsam den ersten Teil des Konzerts bestritten. Das war aber auch Ibrahim Keivo mit seiner kraftvollen Stimme, der sich selbst an der Oud, der orientalischen Kurzhals-Laute, und verschiedenen Langhals-Lauten begleitete. 

Die drei Instrumentalisten, die allesamt am Higher Institut of Music in Damaskus ihre Instrumente unterrichten, spielten alte syrische Musik und Eigenkompositionen, vorwiegend melancholische, getragene, sanfte Melodien, aber auch tänzerisch-spielerische Rhythmen, mit jeweils wechselnden Soli. Das Publikum, darunter viele Syrer, ging begeistert mit.

Ibrahim Keivo (Foto: Philippe Frese)

Nach der Pause dann Ibrahim Keivo, ein Urgestein syrischer Sangeskunst. 2014 floh er vor dem Bürgerkrieg und lebt seither in Deutschland. Schon 1915 musste seine armenische Familie vor dem Völkermord am armenischen Volk fliehen. Keivo ist, wie es im Programm heißt, "im kulturellen Schmelztiegel zwischen Euphrat und Tigris" aufgewachsen, unter dem Einfluss alter Kulturen und Traditionen. Diesen fühlt er sich heute mit seinem Gesang und seiner Musik ebenso wie der Völkervielfalt zutiefst verbunden, – und so tritt er auch auf: kraftvoll, authentisch, vielsprachig (er selbst spricht und singt auf arabisch, kurdisch, aramäisch, assyrisch und armenisch). Es sind Lieder über das Leben, die Menschen, die Liebe, die Trauer, das Glück. Es sind Lobpreisungen und Klagelieder. Es sind Lieder, die mitten ins Herz treffen. Schade nur, dass Ibrahim Keivo und die drei Instrumentalisten nicht auch zusammen aufgetreten sind. 

Das einzige, was den Genuss störte, waren die gezückten Smartphones kulturbeflissener Hamburger Bürger (nicht etwa der Jugend!), die teilweise mit grellem Lichtkegel die Andacht und das konzentrierte Zuhören beeinträchtigen. Vielleicht sollte künftig vor Konzertbeginn noch einmal darauf hingewiesen werden, dass so etwas schon aus urheberrechtlichen Gründen untersagt ist (wie an Leuchttafeln im Foyer auch unschwer zu lesen war). Davon abgesehen ist es auch einfach unhöflich und respektlos den Musikern gegenüber, ganz zu schweigen vom Störfaktor für das umsitzende Publikum. 

Jivan Gasparyan, Manfred Leuchter, Dima Orsho, Kinan Azmeh, Michel Godard (v.l.n.r.)

Konzert Nummer zwei an diesem Abend bildete mit seiner neuen syrischen Musik und seinen oft an Jazz erinnernden Improvisationen und musikalischen Dialogen einen reizvollen Kontrast: Kinan Azmeh (Klarinette) und Dima Orsho (Gesang) vom Trio Hewar meet Jasser Haj Yousseff (Viola d'Amore und Violine), Michel Godarf (Tuba und Serpent und E-Gitarre), Jivan Gasparyan (Duduk, eine Art Oboe) und Manfred Leuchter (Akkordeon). Der dritte im Bunde des Trios Hewar, Issam Rafea (Oud), war aus nachvollziehbaren Gründen lieber in den USA geblieben – aus Sorge, dass man ihn aufgrund der Trump'schen Einreiseverordnungen nicht wieder ins Land lässt. 

Den Beginn machten Kinan Azmeh und Dima Orsho alleine – ein intimer Dialog zwischen Klarinette und Stimme. Jasser Haj Yousseff mit seiner Viola d'Amora bringt dann eine kehlige, kratzige, raue Dimension mit dazu – mal gezupft, mal gestrichen. Stimme und Klarinette legen sich wie ein Samtteppich darunter, auf dem sich die Viola räkeln kann, bis sich die Klarinette und später auch die Stimme zu eigenen Reisen aufschwingen, es ist ein Auf- und Abebben der einzelnen Melodien, jeweils unterfüttert von den anderen beiden. 

Und wenn dann noch Michel Godard mit seiner Tuba und ihrer Mutter, der geschlängelten Serpent, und Manfred Leuchter mit seinem Akkordeon dazustoßen, dann wird aus dem Trialog ein Stelldichein begnadeter Musiker, gekrönt von dem späten Auftritt des 89-jährigen Jivan Gasparyan mit seiner Duduk, dem armenischen Nationalinstrument, das der Oboe ähnelt und aus Aprikosenholz hergestellt wird. Das offiziell letzte Stück des gut anderthalbstündigen Auftritts war "Wedding", eine Komposition von Kinan Azmeh, bei der alle Musiker sich wechselseitig stimulieren und motivieren. Sich zu verlieben, so Kinan Azmeh bei der Ankündigung, sei schließlich ein Recht, das einem kein Diktator der Welt nehmen könne.

Michel Godard, Manfred Leuchter, Jivan Gasparyan, Dima Orsho, Jasser Haj Yousseff, Kinan Azmeh (v.l.n.r.) beim Schlussapplaus im Großen Saal der Elbphilharmonie

Aber natürlich war auch eine Zugabe mit einkalkuliert, die nicht weniger symbolträchtig war: "Airport", ebenfalls eine Komposition von Kinan Azmeh, geschrieben anlässlich einer fünfstündigen Warterei auf dem Flughafen bei der Einreise in die USA, wo er mit seinem syrischen Pass natürlich eine andere Behandlung erfuhr als andere Einreisende ... Mitten in diesem Stück wird das Publikum aufgefordert, eine einfache Melodie mitzusingen – und natürlich waren die Hamburger da eher scheu und mussten lange und nachdrücklich gebeten werden, bis sich schließlich aus dem Parkett eine einzelne Männerstimme über alle anderen erhob und lauthals zu singen anhub: Ibrahim Keivo, der im Publikum saß. Ein berührender Moment, eine Ode an das Leben und das Überleben. Kein besserer Abschluss wäre denkbar gewesen. Großer Jubel und standing ovations auf allen Rängen.

Tipp: Auf dem YouTube-Kanal der Elbphilharmonie lässt sich das zweite Konzert auch jetzt noch miterleben, es wurde live übertragen.

 

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