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FrolleinDoktor

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15. Oktober 2013 |

DocSecret rät: Schauen Sie in Ihre Karteikarte beim Hausarzt!

Diesen Beitrag verdankt FrolleinDoktor ihrer Freundin "DocSecret". Sie kennt sich blendend aus in der ärztlichen Szene, hat aber auch ein großes Herz für die Interessen und Bedürfnisse von PatientInnen, die informierte Entscheidungen treffen und Verantwortung für sich und die eigene Gesundheit übernehmen wollen. Sie weiß, dass PatientInnen ihren ÄrztInnen gerne auf Augenhöhe begegnen. Nicht zuletzt aus diesem Grund entstand der nachfolgende Beitrag. Zum Schutz der eigenen Arbeit und Person berichtet DocSecret lieber undercover. Name und Adresse sind FrolleinDoktor bekannt.

Seit dem 1. Oktober 2013 rechnen die Hausärzte in Deutschland ihre Leistungen bei Kassenpatienten nach einer neuen Gebührenordnung ab. Der neue Hausarzt-EBM – so heißt das Gebührenverzeichnis im Bürokratendeutsch der Kassenärztlichen Bundesvereinigung – soll mehr Honorargerechtigkeit bringen und die Arbeit des typischen Hausarztes besser entlohnen. Schön für die Hausärzte. Nur: Was geht uns PatientInnen das an? Schauen wir hinter die Kulissen der Abrechnungsregularien, werden wir erstaunt feststellen: eine ganze Menge.  

Damit bestimmte Leistungen abgerechnet werden können, müssen bestimmte Diagnosen, sprich Krankheiten, vorhanden sein. Das ist nicht erst seit dem 1.10.2013 so, es bekommt jetzt aber eine noch größere Abrechnungsrelevanz als zuvor. Das Einkommen der Ärzte hängt seit diesem Datum nämlich von der Codierung der Krankheit ab. Und je „kränker“ ein Patient ist – nein, besser: je schwerwiegender die Erkrankung laut der vom Arzt in der Dokumentation gesetzten ICD-10-Diagnose (ICD= International Code of Diseases) ist, desto höher fällt das Honorar für den Arzt aus.

Gut und schön, warum sollen Ärzte für kränkere und betreuungsintensiverer Patienten nicht mehr Geld bekommen? Im Prinzip spricht da nichts dagegen, gäbe es nicht die Möglichkeit, den Patienten kränker zu codieren als er es tatsächlich ist. Allein für die die Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) gibt es – dem Schweregrad entsprechend – mehr als 30 unterschiedliche Verschlüsselungen. Das öffnet Manipulationen Tür und Tor. Denn je kränker der Patient, desto höher das ärztliche Einkommen. Mehr noch: Je nachdem, in welche Gruppe der jeweilige Patient per ICD-10-Code eingruppiert wird, fließt für ihn Geld aus dem Gesundheitsfonds zu seiner Krankenkasse. Nicht zuletzt deshalb veranstalten die großen Krankenkassen – allen voran die AOK – in den Praxen Codier-Schulungen, um Ärzten und Praxisteams das richtige Verschlüsseln der Erkrankungen beizubringen.

Da dürfte die Versuchung groß sein, einen eigentlich gut eingestellten Diabetes etwas „entgleister“ oder nebenwirkungsreicher zu codieren als unbedingt notwendig (die Krankenkassen zeigen in den Schulungen ja auch, wie das ganz einfach funktioniert). Oder auch schon einmal eher mehr  die Diagnose E 66 (Übergewicht) zu schlüsseln, obwohl der Patient durch seine paar Pfunde zuviel keinerlei gesundheitliche Einschränkungen zu beklagen hat. Auch ein erhöhter Cholesterinspiegel lässt sich unter verschiedenen Code-Nummern als mehr oder weniger schwerwiegend einstufen.

Im normalen Praxisalltag hat das alles möglicherweise noch keine weitreichenden Konsequenzen – außer der, dass der Hausarzt vielleicht mehr verdient (es sei ihm gegönnt). Nur: Für die Krankenkasse läuft jeder Patient unter den codierten Etiketten und wird entsprechend als jemand mit höherem oder geringerem Risikopotential eingestuft. Wer weiß, ob wir bei einer Ansammlung unterschiedlichster Erkrankungen und insbesondere vermeintlich selbstverschuldeter wie Übergewicht (das bekommen ja nur Menschen ohne Disziplin, die ihre Fresslust nicht im Griff haben) später überhaupt noch als „behandlungswürdig“ gelten? Zum Beispiel, wenn einmal eine teure Operation oder ein Gelenkersatz ansteht. Nicht auszuschließen, dass wir dann plötzlich als schwerstkrank gelten, obwohl wir es nie waren.

Machen wir uns doch also einfach einmal die Freude und schauen in unserer EDV-Karteikarte beim Hausarzt nach den Diagnosen – jede/r hat das Recht, ihre/seine Karteikarte einzusehen!  Vielleicht werden wir uns ja wundern, was für Diagnosen da verzeichnet sind, obwohl wir uns doch eigentlich ganz gesund und leistungsfähig fühlen. Befindlichkeit und Befund sind eben nicht das gleiche. Vielleicht wissen irgendwann die Computer unserer Krankenkasse dank der Emsigkeit unserer (Haus)Ärzte mehr über uns und unsere Befindlichkeit als wir selbst? Der gläserne Patient ist auch ohne E-Card schon längst Wirklichkeit.

Da bekommt der Slogan der jüngsten Werbekampagne für Hausärzte „Wir arbeiten für Ihr Leben gern“ doch gleich einen anderen Zungenschlag...