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13. März 2019 |

Preisverdächtig: Barbara Auer in “Vakuum”

Es ist ein Film, der unmittelbar unter die Haut geht. Mit einer Hauptrolle für die phantastische Barbara Auer, die einmal mehr ihre große Schauspielkunst unter Beweis stellt: "Vakuum", ein Film über das Zerbrechen einer scheinbar glücklichen Ehe. Über die zerstörerische Wirkung des Schweigens, der Scham, der Heimlichtuerei. 

Meredith (Barbara Auer) und André (gespielt von dem ebenfalls großartige Robert Hunger-Bühler) leben ein zufriedenes gutsituiert-bürgerliches Leben am Zürichsee. Er ist ein erfolgreicher Architekt, sie hat sich vorwiegend um den Haushalt und die – mittlerweile erwachsenen – zwei Kinder gekümmert, spielt aber mit dem Gedanken, wieder in den Beruf einzusteigen. Als sie nach einer Blutspende erfährt, dass sie HIV-positiv ist, fällt sie aus allen Wolken. Wo soll sie sich angesteckt haben? Nachdem eine Bluttransfusion aufgrund einer gynäkologischen Operation als Virus-Quelle ausgeschlossen werden kann, bleibt nur einer übrig: André. 

Und damit gerät das gesamte, sorgfältig aufgebaute Gebäude einer langjährigen Ehe (die beiden sind irgendwas über 50 und bereiten gerade das Fest eines runden Hochzeitstages vor) ins Wanken, bis es schließlich komplett zusammenbricht. Meredith findet heraus, dass es im Bürogebäude ihres Mannes ein Bordell gibt, in dem er sich offenbar vergnügt hat. Sie stellt ihn zur Rede und wirft ihn aus dem gemeinsamen Haus. Aber sie vermisst ihn auch, sie vermisst ihr gemeinsames Leben, das sie als durchaus erfüllt empfunden hat. Sie will herausfinden, warum er es nötig hatte, zu einer Nutte zu gehen. Und wird schließlich damit konfrontiert, dass André ganz andere Bedürfnisse hat, als die mit ihr gelebte Sexualität. Schließlich erlaubt sie ihm zurückzukehren, aber nichts ist mehr, wie es früher war. Ob ein echter Neuanfang gelingt, bleibt offen. 

Barbara Auer und Robert Hunger-Bühler zeichnen die beiden Charaktere mit atemberaubender Intensität: Diese Intimität und Vertrautheit zwischen den beiden, wenn er ihr die halblangen Haare färbt (und es ist mehr als ein emanzipatorischer Akt, wenn sie sich später einen Kurzhaarschnitt zulegt); diese Bettszene, wo er sich erkennbar abmüht und sie nicht so wirklich freudvoll dabei ist; diese Sprachlosigkeit, als sie ihm auf die Schliche kommt; diese komplette Entzauberung einer vermeintlichen Vertrautheit, als er ihr brutal an den Kopf knallt, dass es ihn eben anmacht, mit anderen Frauen Analverkehr zu haben; ihre Selbstüberwindung, als sie zu ihm ins Hotel geht: "Ich will, dass Du's mir zeigst" – was natürlich kläglich scheitert; seine verzweifelte Hilflosigkeit, als es darum geht, wie sie den beiden Töchtern beibringen sollen, dass sie beide HIV-infiziert sind: "Sag mir, was ich sagen soll..."; und schließlich ihre Souveränität, als sie ihm den Arsch rettet und den Töchtern vormacht, eine Blutkonserve bei einer Operation, der sich André unterziehen musste, sei die Ursache gewesen. Damit nimmt sie ihn komplett aus der Schusslinie, die Töchter haben Mitleid mit dem Vater ... Was sie da in Barbara Auers Gesicht abspielt, zeigt alles: Verachtung, Mitleid und – Liebe. Weil Meredith weiß, dass sie nur dann retten kann, was gut war in dieser Beziehung – und das war für sie vieles –, wenn sie einen Weg findet, mit André eine neue Zukunft aufzubauen. Sie ist die Starke in dieser Ehe, auf sie wird es ankommen. Sie muss herausfinden, ob sie in der Lage ist, André zu verzeihen. Es bleibt offen, ob das gelingt. 

Was diesen Film aus der Schweiz auszeichnet, ist nicht nur die bewundernswerte Leistung der beiden Schauspieler, sondern auch die Regiearbeit der 38-jährigen Christine Repond (sie hat auch das Drehbuch geschrieben) und ebenso die einfühlsame, dichte Kameraführung von Aline Lázló. Kein Wunder, dass der Film bereits mehrere Auszeichnungen eingeheimst hat, darunter den Schweizer Filmpreis 2018, den Max Ophüls Preis 2018, den Best Actress Award für Barbara Auer beim "Pöff - Black Nights FIlm Festival Tallinn 2017, die Auszeichnung für die "Beste Regie" und "Beste Darstellerin" bei den Ahrenshooper Kinonächten im November 2018, um nur einige zu nennen. Wie ungemein wohltuend auch, dass hier ausschließlich die konkrete Atmosphäre der jeweiligen Szene neben der Sprache die Geräusche bestimmt – und keine Filmmusik. Nur einmal ist ein Song zu hören – als Meredith ein Lied abspielt, das Erinnerungen birgt und das umso eindringlicher wirkt. 

"Vakuum" ist ein Film, den man nicht nur Paaren ans Herz legen möchte, sondern jedem erwachsenen Menschen. 

"Vakuum" – ab 14. März in den Kinos. 
RFF Real Fiction Filmverleih e.K., Köln 
80 Minuten
Regie: Christine Repond
Kamera: Aline Lázló