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12. Februar 2017 | 0 Kommentare

Jeder Ton ein Gebet

Eröffnung des Festivals "Lux aeterna" mit einem Arvo-Pärt-Abend in der Elbphilharmonie

Um die Wartezeit bis zur Fertigstellung der Elbphilharmonie gut zu überbrücken, rief Intendant Christoph Lieben-Seutter 2013 das Festival "Lux aeterna" ins Leben. Es bringt Licht für die Seele ins Grau der Wintertage, just zu einem Zeitpunkt, an dem die Menschen besonders sehnsüchtig auf die Rückkehr der Sonne und Wärme warten: im Februar (siehe auch "Musik für die Seele" vom 9.2.2015). 

Drei Wochen lang ist an verschiedenen Orten der Hansestadt (nicht nur, aber auch in der Elbphilharmonie) spirituelle Musik ganz unterschiedlicher Couleur zu hören - von Verdis "Requiem" (18.2.) bis zu Irish Folk mit dem Quintett "The Goaming" (27.2.). 

Der Chor des Lettischen Rundfunks und die Sinfonietta Riga mit ihrem Dirigenten Sigvards Klava

Den Auftakt machten am 9. Februar der Chor des lettischen Rundfunks und der Sinfonietta Riga unter der Leitung von Sigvard Klava mit einem Abend im Großen Saal der Elbphilharmonie, der ganz und gar dem zeitgenössischen Komponisten Arvo Pärt (geb. 1935) gewidmet war. Ein Wagnis – denn Pärts Musik ist bekannt für ihre Transparenz, ihre Zartheit und vor allem ihr delikates Pianissimo. Würde das in der riesigen Arena des Großen Saals funktionieren? 

Und wie es funktionierte! Schon gleich beim ersten Stück, dem 1963 entstandenen "Solfeggio", a capella vom Chor intoniert. Männer- und Frauenstimmen verweben sich hier zu einem fein gewebten Klanggespinst auf die bekannten Tonleiter-Silben Do-Re-Mi-Fa-So-La-Ti-Do, die hier zu einer vielschichtigen Einheit verschmelzen.

Gleich danach "Fratres", eines der bekanntesten Werke Arvo Pärts, hier in einer Fassung für Violine, Streicher und Schlagwerk, von den Musikern ungemein fein herausgearbeitet, da wird nichts übertrieben, nirgendwo Effekthascherei betrieben.

Was ebenso für alle nachfolgenden Stücke gilt, vor allem für das wuchtigste Stück des Abends: "Adam's Lament" für Chor und Streichorchester aus 2009. Da ist alles drin, was der alte Adam bei der Vertreibung aus dem Paradies und seiner Klage darüber empfunden haben mag: Wut, Trauer, Resignation, Aufbegehren, aber auch ein würdiges Sich-Ergeben in das, was ist und was zwingend kommen musste. Chor und Orchester werden hier eins – man spürt den Respekt vor jeder Note, und so wird jeder Ton zum Gebet. 

Dirigent Sigvards Klava mit seinen Musikern

Und wie schön, dass Sigvards Klava auch nach Verklingen des letzten Tons die Spannung noch eine ganze Weile im Raum hält und so das Publikum dazu bringt, erst dann zu klatschen, wenn der Klang wirklich verschwebt ist. Das sorgte für die nötige Andacht, die diese Musik braucht. 

Zum Abschluss dann ein federleichtes estnisches Wiegenlied für Frauenchor und (mehr zupfendes als streichendes) Streichorchester – so fein, so zart, so liebevoll und humorvoll gesungen und gespielt, dass es gleich nochmal als Zugabe geboten wurde.

Nur zu berechtigter großer Jubel für alle Mitwirkenden! Und ein klarer Beweis dafür, dass es der Große Saal nicht nur krachen lassen kann, sondern dass auch Flüsterzartes darin gut aufgehoben ist. Vorausgesetzt, das Publikum lernt noch, die ewige Husterei besser in den Griff zu bekommen – vielleicht wirkt hier ja die Transparenz der Akustik langfristig als Erziehungsfaktor ... 

 

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