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29. Januar 2017 | 0 Kommentare

Iveta Apkalna in der Elbphilharmonie: Die mit der Orgel tanzt

Sie ist die Titularorganistin der Elbphilhamonie, und am Freitag, den 27. Januar 2017, gab sie Ihr Einstandskonzert: Iveta Apkalna. In Lettland 1976 geboren, erhielt sie ihre musikalische Ausbildung an der Musikakademie Riga, später an der London Guildhall School of Music and Drama und als Stipendiatin des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes an der Solistenklasse im Fach Orgel an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Seither wurde sie mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter als erste Organistin 2005 mit dem "Echo Klassik" als "Instrumentalistin des Jahres". 

Bekannt ist Iveta Apkalna nicht nur für ihre Interpretation der klassischen Orgelwerke, sondern vor allem auch für ihre Vorliebe für zeitgenössische Komponisten. So hatte sie für ihr Einstandskonzert auf der funkelnagelneuen Orgel der Elbphilharmonie nur ein Werk von Bach gewählt, die anderen fünf Stücke stammten von zeitgenössischen, überwiegend noch lebenden Komponisten.

Wie klug dieses Programm komponiert war, wurde am Ende dieses genussvollen Abends deutlich. Konnte Iveta Apkalna anhand dieser Stücke doch nicht nur ihr unglaublich breit gefächertes Können zeigen, sondern vor allem auch die hohe Qualität dieser Orgel (die 2 Millionen Euro, die sie gekostet hat, stiftete Peter Möhrle, der frühere Besitzer des Baumarktes Max Bahr in Hamburg). Sie wurde eigens für diesen Großen Saal der Elbphilharmonie von Philipp Klais in Bonn konzipiert und gebaut – ein Instrument der Superlative. Über vier Stockwerke zieht sie sich hoch, verschmilzt mit der "weißen Haut" und setzt dem Raum mit den silbrig schimmernden Pfeifen weitere Glanzlichter auf. 45 Orgelbauer haben zehn Jahre daran gearbeitet, über 25.000 Arbeitsstunden investiert. Sie ist 25 Tonnen schwer, hat 69 Register und 4.765 Pfeifen, 380 aus Holz, die andern aus unterschiedlichen Zinnlegierungen. Die kleinsten sind nur wenige Millimeter, die größten bis zu zehn Meter hoch. Der Clou ist ein Fernwerk, das sich in dem pilzförmigen Klangreflektor an der Decke versteckt.  

Auf halber Höhe sind die Pfeifen sogar öffentlich zugänglich, lassen sich verschieben und können berührt werden – für Orgelbauer normalerweise ein Alptraum, prägen sich Fingerabdrücke auf dem empfindlichen Metall doch ein für allemal ein und können den Klang empfindlich beeinträchtigen. Nicht so hier. Die lange Zeit der Bauarbeiten sei ihnen zugute gekommen, sagte Philipp Klais mit einem breiten Schmunzeln in einem einführenden Gespräch vor dem Konzert (vortrefflich moderiert von dem freien Musikjournalisten Niklas Rudolph). So hätten sie eine Legierung entwickeln können, die ebenso klangfein wie berührungsunempfindlich ist. 

Auf diesem Instrument also darf sich Iveta Apkalna entfalten. Und wie sie das tut! Schon das erste Werk, eine Toccata des lettischen Komponisten und Titularorganisten am Dom in Riga, Aivars Kalejs (geb. 1951), über den Choral "Allein Gott in der Höh' sei Ehr'" zeigt die Qualität dieses grandiosen Instruments und auch der Akustik in diesem Großen Saal. Von flüsterzartem Flirren . bis zum raumsprengenden Brausen ist alles dabei, musikalisch wunderbar ineinander verwoben. 

Danach dann Bach: Toccata, Adagio und Fuge C-Dur. Ein ganz neues Hörerlebnis, fehlt in diesem Saal doch der in den meisten Kirchen unvermeidliche Hall – und das bekommt nicht nur der Musik ganz ausgezeichnet. So innig, so zart, so differenziert, aber auch so klar und berührend schlicht hat man dieses Werk, vor allem das Adagio, selten gehört. In diesem Saal und mit dieser Künstlerin kann die Orgel ihre Seele entfalten. 

Der Kontrast danach könnte nicht größer sein: Sofia Gubaidulinas (geb. 1931) 1976 komponiertes "Hell und Dunkel". Vom dumpfen Grummeln bis zum höchsten Flöten entlockt Iveta Apkalna ihrem Instrument alle Schattierungen, einmal fegt sie mit beiden Unterarmen über die Tastatur, dass die Töne wie eine große Welle über dem Publikum zusammenbrechen. Grandios! 

Es folgt die Sonata eroica op. 94 des belgischen Komponisten Joseph Jongen (1873-1953) – ein wahrhaft heroisches Werk, das der Organistin alle Virtuosität abfordert. Aber für Iveta Apkalna ist – so scheint es – nichts zu anspruchsvoll, nichts unmöglich. Mit der gesamten Kraft und Energie ihrer zierlichen Statur wirft sie sich in die Musik – es ist ein einziger, unaufhörlicher Tanz der Organistin mit ihrem Instrument. 

Aber diese Orgel kann auch ganz anders klingen, ganz fein, transparent, klar wie Kristall – wenn der Komponist Philip Glass heißt (geb. 1937). Iveta Apkalna hatte das Finale des 3. Aktes aus "Satyagraha" ausgesucht – ein sich immer weiter ausbreitendes Klanggespinst, das langsam unter die Haut kriecht und jede Zelle mit Klang erfüllt. Immer höher und höher tragen die Töne, bis jeder Zuhörer, der ganze Raum nur noch Klang ist.  

Und zum Abschluss dann ein wild-dynamisches Stakkato: "Evocation II" von Thierry Escaich (geb. 1965). Ein Werk, mit dem Iveta Apkalna ihrem Instrument noch einmal ganz neue Facetten entlockt. 

Zwei Zugaben gab es zur Krönung: eine Toccata von Sergej Prokoffiew, und ein Stück einer lettischen Komponistin, das Iveta Apkalna hochkonzentriert und gesammelt spielte, wie ein Gebet – ein fast meditativer Abschluss eines vielfältigen, erfüllten Konzertabends. Das Publikum belohnte die Künstlerin mit standing ovations.  

Zwei Wünsche bleiben: Dass die Zuhörer es künftig aushalten mögen, am Schluss eines Stückes dem Klang noch nachlauschen und nicht gleich loszuklatschen. Und dass sie aufhören mögen, während der Vorstellung zu fotografieren. Es ist eine grässliche Unsitte geworden, während des Spiels das Handy zu zücken und Fotos zu machen – teilweise sogar mit Blitz von den Rängen herunter. Das stört die anderen Zuhörenden, vor allem aber die Künster – und es nimmt fast schon Wunder, dass Iveta Apkalna ihr Spiel nicht unterbrochen hat, um diesem Treiben Einhalt zu gebieten. 

Alle Photos: Claudia Höhne

 

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