-
FrolleinDoktor

Lektüre ohne Risiken, aber mit Nebenwirkungen. Rezeptfrei in Ihrem Internet. Immer wieder zu durchstöbern. Machense sich doch schon mal frei.

10. Januar 2014 |

Homöopathie nicht mehr “scientabel”???

Man ist ja so einiges an Hasstiraden gewohnt von den Gegnern der Komplementärmedizin, speziell der Homöopathie. Was Martina Lenzen-Schulte jetzt in der FAZ berichtet, schießt aber nun doch den Vogel ab. Unter der Überschrift "Ritterschlag für Quacksalber?" (9.1.2014) schreibt sie über einen Beitrag von Christian Weymayr, Co-Autor des Buches "Die Homöopathie-Lüge" und seit Jahren auf Feldzug gegen die Homöopathie im Allgemeinen und Speziellen. Weymayr veröffentlichte in der "Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen" einen Beitrag unter dem Titel: „Scientabilität – ein Konzept zum Umgang der Evidenz-basierten Medizin mit homöopathischen Arzneimitteln“. Darin spricht er sich dafür aus, künftig die heute gängigen Nachweismethoden für die Wirksamkeit eines Arzneimittels, speziell den Goldstandard der eviddenzbasierten Medizin, die randomisiert placebokontrollierte Studie, nicht mehr als Prüfmethode für homöopathische Medikamente zuzulassen. Die Homöopathie (und sicher nicht nur diese) soll damit aus der "scientific community" gänzlich ausgeschlossen werden.

Weymayrs Begründung (Zitat aus der FAZ): "Randomisiert-kontrollierte Studien sind zwar das methodisch Beste, was klinische Prüfverfahren zu bieten haben. Sie sind indes fehleranfällig und als Methode nicht davor gefeit, Ergebnisse zu produzieren, die auch dort Wirksamkeit attestieren, wo vielleicht keine ist." Oho! Das sind ja ganz neue Töne! Bisher galt die randomisiert-kontrollierte Studie als der "Goldstandard" unter den Wirksamkeitsnachweisen, Evidenzklasse 1a! Und nun ist das alles plötzlich so "fehleranfällig", dass man es nicht mehr als Nachweis gelten lassen kann? Nur weil auch Homöopathika den Test bestanden haben? Sapperlott!  

Die Homöopathie hat nämlich mittlerweile einige Studien nach diesem "Goldstandard" vorgelegt. Teilweise durchaus mit respektablen positiven Ergebnissen. Es liegt auf der Hand: Das passt den Gegnern nicht in den Kram. Man muss umgehend verhindern, dass derlei weiterhin geschieht. Zu diesem Zweck zaubert Weymayr flugs das Argument der "Scientabilität" aus dem Hut. Das Wort-Ungetüm steht für alles, was nicht wissenschaftsfähig ist oder sein kann. Und das gilt natürlich insbesondere für die Homöopathie. Weil ihre Wirkung für Naturwissenschaftler nicht vorstellbar ist. Weil es ein "Gedächtnis" des Wassers nicht gibt. Oder nach naturwissenschaftlichen Grundsätzen nicht geben kann, besser: nicht geben darf. 

Was für ein durchsichtiges Manöver: Zuerst fordert man Studien nach den Regeln der evidenz-basierten Medizin, vor allem eben randomisiert-kontrollierte Studien. Liegen diese vor, bestreitet man deren Aussagekraft und findet dies und das daran auszusetzen, was die Studienergebnisse insgesamt in Frage stellt. Funktioniert auch das nicht mehr, streitet man dem Verfahren eben jegliche wissenschaftliche Grundlage ab. So einfach ist das. 

Übrigens: Auch die Anthroposophische Medizin, speziell die Mistelforschung, kann mit positiven Studien aufwarten. Zuletzt mit einer randomisierten klinischen Studie zum Einsatz der Mistel (hier: Iscador Qu von Weleda, das ist ein Extrakt aus der Eichen-Mistel) bei lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs. Diese Studie zeigte in der Zwischenauswertung nach der Aufnahme von insgesamt 220 Patienten eine hochsignifikant verbesserte Überlebenszeit (p<0.0001) für die Misteltherapie-Gruppe (medianes Überleben = 4,8 Monate in der Mistel-Gruppe gegenüber 2,8 Monate in der Kontrollgruppe). Das wissenschaftliche Gutachter-Trio (darunter der renommierte Krebsforscher Prof. Dr. Volker Diehl, Köln), das die Zwischenauswertung prüfte, empfahl daraufhin den Abbruch der Studie mit dem Argument, man könne der Kontrollgruppe die Misteltherapie nicht mehr weiterhin vorenthalten. Diese Studie ist sicherlich einer der härtesten Wirksamkeitsnachweise für die Misteltherapie bei Krebs, zumindest beim Pankreas-Karzinom (siehe European Journal of Cancer, 2013 Dec; 49(18):3788-97).

Ähnliche Studien zur Überlebenszeit lassen sich bei anderen Krebsarten schwer oder gar nicht anstellen, weil die meisten (z.B. Brust- und Darmkrebs) zum Glück so lange Überlebenszeiten aufweisen, dass eine entsprechende Nachbeobachtung kaum finanzierbar und auch nicht realisierbar ist. Wohl aber zeigt die Misteltherapie auch bei diesen Krebsarten vielfach positive Ergebnisse: die Nebenwirkungen der Chemo- und Strahlentherapie werden abgemildert, ohne deren Wirksamkeit zu beeinträchtigen; und die Lebensqualität verbessert sich (vor allem hinsichtlich Schlaf, Appetit, Übelkeit, Schmerzen). 

Bisher wurde dieses Ergebnis von der Schulmedizin allerdings weitgehend ignoriert. Auch hier gilt offenbar, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. 

Foto: (c) Jürg Buess