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16. Februar 2017 | 0 Kommentare

Elbphilharmonie goes Opera

"La Cenerentola" von Gioachino Rossini als semiszenische Aufführung mit Cecilia Bartoli 

Man konnte sich fast ein bisschen wie in der Arena von Verona fühlen am 13. Februar 2017, als Cecilia Bartoli mit Rossinis komischer Oper "La Cenerentola" in der (natürlich komplett ausverkauften) Elbphilharmonie gastierte. Als "semiszenische Aufführung" war der Zweiakter angekündigt – und so richtig vorstellen konnte man sich darunter nichts. Die Bühne wird für das Orchester gebraucht – Platz für Kulissen gibt es da nicht. Aber dann reichen ein paar Stühle, das Rund hinter dem Orchester und die Kostüme der Sängerinnen und Sänger, um zusammen mit der klugen Regie von Claudia Blersch die Möglichkeiten des Großen Saales auszunutzen und italienisches Flair hervorzuzaubern. 

Begeistert gefeiert nach dem 1. Akt: Cecilia Bartoli in ihrem märchenhaften Ballkleid an der Seite von Ugo Guagliardo (im weißen Frack) als Alidoro, Dirigent Gianluca Capuano und Alessandro Corbelli als Dandini (im grauen Zwirn). 

Die Handlung ist die triviale Adaptation von Grimms Märchen auf das Italien des frühen 19. Jahrhunderts: Ein abgetakelter Baron mit dem passenden Namen Don Magnifico lebt mit seinen zwei eitlen Töchtern Clorinda und Tisbe und seiner ungeliebten, aber herzensguten Stieftochter Angelina, genannt La Cenerentola (= Aschenputtel) in seinem heruntergekommenen Palast. Und dann gibt es die üblichen Verwechslungs-Tändeleien: Prinz Don Ramiro auf Brautschau lädt zum Ball, kommt als Stallmeister verkleidet ins Haus und verliebt sich standepede in Angelina alias Cenerentola. Sein ältlicher Kammerdiener Dandini gibt sich als Prinz aus, weshalb Clorinda und Tisbe – aufs Feinste aufgebrezelt mit pinkfarbener Perücke, schuppigem Gewand mit Fischschwanz-Schleppe die eine, mit blaugrün schillerndem Ananas-ähnlichem Kopfputz und Glitzerkleid die andere – sich ihm unverzüglich an den Hals werfen. Denn auf dem Ball wird der Prinz die Schönste zur Frau erwählen. Aschenputtel darf natürlich nicht mit, aber Alidoro, des Prinzen schmucker Lehrer im weißen Frack mit Engelflügeln und Melone bringt ihr das Festgewand und seine Kutsche. Anstelle des Schuhs gibt Aschenputtel dem Prinzen einen Armreif, dessen Gegenstück sie selbst am Handgelenk trägt – daran soll er sie erkennen, wenn er sie – ihres prächtigen silbrigen Ballkleides wieder ledig – in ihrer ärmlichen Tracht wiedergefunden hat. Das passiert ziemlich fix, weil der Prinz samt Entourage bei einem Unwetter (mit Donner von der Pauke und einem großartigen Blitzgewitter, bei der die Lichtelektronik des Großen Saales zeigt, was sie alles kann!) im Palast von Don Magnifico Unterschlupf sucht. Der Rest ist bekannt. Happy End mit Hochzeit. 

Dass diese Aufführung nicht komplett in Edelkitsch abrutscht, ist das große Verdienst von Cecila Bartoli. Sie zeichnet das Aschenputtel als mutige, starke Frau, die sich von den beiden blöden Gören nicht die Butter vom Brot nehmen lässt und das Herz auf dem rechten Fleck trägt. Und vor allem schlüpft sie derart in ihre Rolle hinein, dass man ihr jede Zeile abnimmt – sie ist diese Figur, mit Leib und Seele. In Kombination mit ihrer einzigartigen Stimme, die so viel Wärme ausstrahlt, aber auch mühelos glanzvolle Höhen erreicht und die atemberaubenden Koloraturen Rossinis souverän und mit unendlicher Sangesfreude in den Saal perlen lässt, ist das rundum begeisternd. Und damit in diesem rundum besetzten Weinberg-Saal auch alle etwas davon haben, dreht sie sich an den schönsten und schwierigsten Stellen einfach ein paar Mal um sich selbst ... !!! 

Das Orchester "Les Musiciens du Prince" aus Monaco, dessen künstlerische Leiterin La Bartoli ist, sowie der Männerchor der Opéra de Monte-Carlo bilden einen wunderbaren Rahmen, in dem sich die Sänger voll entfalten können. Wie gut alle aufeinander eingespielt sind, zeigt sich auch daran, dass die Sänger vorwiegend mit dem Rücken zum Dirigenten (souverän: Gianluca Capuano) singen. Und das bei den schnellen Tempi und vielen Rhythmuswechseln, die Rossini in seine Musik eingebaut hat! 

Neben Cecilia Bartoli brillieren vor allem der Tenor Edgardo Rocha als Don Ramiro sowie Carlos Chausson (Bass) als stimmgewaltiger Don Magnifico und Ugo Guagliardo (Bass) als Alidoro. Irène Friedli (Mezzosopran) und Sen Guo (Sopran) sind wunderbar zickige Schwestern und meistern jede Anforderung an diese Rollen mühelos. 

Großer Applaus für alle Sänger, Dirigent und Orchester (v.l.n.r.): Ugo Guagliardo, Edgardo Rocha, Cecilia Bartoli, Carlos Chausson, Sen Guo, Gianluca Capuano, Irène Friedli, Alessandro Corbelli. 

Nach der letzten großen Arie von Cecilia Bartoli "Non piú mesta", mit der dieses Singspiel mit schwindelerregenden Koloraturen glanzvoll endet, explodiert das Publikum vor Begeisterung – und La Bartoli springt die Freude über den gelungenen Abend aus allen Poren, sie winkt bis in die obersten Ränge hinauf, und das Publikum winkt hingerissen zurück. 

Ob die Sänger auch auf den Rängen hinter dem Orchester ebenso gut zu hören waren wie in Block B in Reihe 11?. Der große Beifall, der auch von dieser Seite kam, legt das nahe und lässt hoffen, dass solche konzertanten szenischen Opern-Aufführungen durchaus häufiger präsentiert werden könnten. Sie müssen eben nur so gekonnt adaptiert werden wie hier. 

Fotos: Claudia Höhne 

 

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