FrolleinDoktor

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30. November 2013 | 0 Kommentare

Ein Satz wird kommen

Eine tolle Idee meiner texttreff-Kollegin Kerstin Hoffmann: eine Blogparade zum Thema Schreibblockade. Ha! Wie oft hab ich schon vor einer einsamen Seite gesessen und über dem ersten Satz gebrütet. Der ist ja immer am schlimmsten. Wenn ich den ersten Satz habe, dann läuft die Sache meistens. Aber BIS ich diesen Satz finde... Fragt mich nicht, welche Ausreden ich mir schon einflüstert habe, um mich um diesen ersten Satz herumzudrücken. Oder um mein Hirn zu zwingen, endlich die passenden Worte aus seinen Windungen zu quetschen. Vergebens, ach, vergebens...

Aber Rettung naht! Beim hilflosen Blick auf die Gärten der Nachbarschaft sehe ich, wie schmutzig die Fenster doch in den letzten fünf Tagen geworden waren. Die müssen unbedingt geputzt werden. Jetzt. Sofort. Vielleicht kommt mir dabei ja der passende Satz in den Sinn??

Oder mir fällt siedend heiß ein, dass wir keine Eier mehr im Haus haben. Nicht auszudenken, wenn wir heute etwa nicht einem Spontangelüst folgen können: Pfannekuchen backen. Also los zum nächsten Bio-Laden. Womöglich kommt ja auf dem Weg dorthin die zündende Idee?

Oder ich stiere auf meine Hände, die da still auf der Tastatur ruhen, nicht wissend, welchen Buchstabenknopf sie drücken sollen. Aber halt - wie sehen denn die Fingernägel aus? Ein Graus! Eine Maniküre ist fällig, aber sofort! Möglicherweise verfügt ja die Feile über eine magische Verbindung zu meinem Hirn?

Um auf eine gute Idee zu kommen, stöbere ich auch gern in meiner umfangreichen Bibliothek. Und stoße dabei auf ungeahnte Schätze. Bücher, seit Monaten gesucht wie eine Stecknadel, offenbaren ihre Anwesenheit plötzlich auf wundersame Weise. Und müssen natürlich unverzüglich genauer studiert werden. War dieser Autor nicht bekannt für seine geschliffenen Formulierungen? Vorbilder animieren ja zum Nacheifern. Ob mir wohl beim Lesen...??? Könnte doch sein, oder?

Auf dem Weg zurück zum Arbeitszimmer stolpere ich über einen Berg von schmutziger Wäsche, den ich schon morgens in die Waschküche bringen wollte. Das Buch muss warten, der erste Satz auch. Die Wäsche muss in die Maschine. Wie konnte ich das bloß vergessen!

Bis die Maschine fertig ist, kann ich ja in dem Buch stöbern, dann kann ich die Wäsche gleich aufhängen – auch eine ideale Möglichkeit, um über den ersten Satz nachzudenken, bestens animiert durch die anregende Lektüre.

Aber ach! Der rettende Einfall bleibt aus. Und schlagartig wird mir klar, warum: Ich habe nichts zu trinken! Ja, wie soll das Hirn da gut arbeiten? Jeder weiß doch, wie wichtig Flüssigkeit dafür ist! Herrje, und das mir als Medizinjournalistin. Geht ja gar nicht. Ein Tee muss her! Ein Tee! Ein guter Tee! Zum Glück ist noch genügend Darjeeling von der Teekampagne im Keller. Schwarzer Tee regt an. Sicher auch meine Nervenzellen zu Höchstleistungen.

Es gibt noch zahllose weitere derartige Ablenkungsmanöver, mit denen ich die Leere in meinem Kopf zu füllen versuche. Meistens nutzt es nichts. Meistens kommt der erste Satz dann, wenn ich nicht mehr darüber nachdenke. Wenn ich mein Zeitmanagement über den Haufen werfe und  einen Spaziergang um den See mache. Einfach so. Die Arbeit? Kann mich mal. Morgen ist auch noch ein Tag. Und wenn ich gerade nichts zum Schreiben dabei habe (wer nimmt schon Block und Stift mit auf den Weg?), murmele ich diesen mir just zugefallenen Satz so lange vor mich hin, bis ich wieder zuhause bin. Das hat fast schon etwas Meditatives. Was einem überstrapazierten Hirn ja auch gut tun soll.

Der erste Satz für mein jüngstes Buch, dessen Manuskript gerade fertig geworden ist, fiel mir übrigens noch während der Recherchephase ein. Ich habe ihn noch nicht mal aufgeschrieben, so kurz und so prägnant war er. Es ist tatsächlich der erste Satz geworden.

Nach nunmehr über 30 Jahren im Journalismus gibt es für mich kein Geheimrezept gegen Schreibblockaden oder die Leere im Kopf vor dem ersten Satz. Es ist jedesmal etwas anderes, was mir hilft, weshalb sich das Arsenal meiner Möglichkeiten von Mal zu Mal erweitert. Dank dieser Erfahrung weiß ich aber auch: ein Satz wird kommen. Ganz gewiss. Dann, wenn ich nicht damit rechne. Musen sind eben launisch. Aber wenn sie einen küssen, dann ist es wunderschön. Und alle Qual vergessen.

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