FrolleinDoktor

Lektüre ohne Risiken, aber mit Nebenwirkungen. Rezeptfrei in Ihrem Internet. Immer wieder zu durchstöbern. Machense sich doch schon mal frei.

05. September 2014 | 1 Kommentar

Die Highland-Saga um Jamie und Claire: Schmöker für lange Herbstabende

Für mich gibt es kaum etwas Entspannenderes als einen guten Roman am Abend nach getaner Arbeit. Ein Glas Wein dazu, Kaminofen an, Sofa, Decke über die Füße, und der Kater schnurrend obendrauf. Aber gute Romane gibt's nicht so oft. Viele ersticken mittendrin in Trivialität, können den Spannungsbogen nicht halten oder verlieren unterwegs die Handlung. 

Deshalb war ich skeptisch, als meine Freundin mir vor einigen Jahren von einem ganzen Romanzyklus vorschwärmte, der sie und ihren Mann – alles andere als ein Bücherwurm – seit Tagen daran hinderte, sich anderen Aufgaben zu widmen. Nächtelang würden sie festhängen in dieser Geschichte, habe man den einen Band durch, könne man kaum erwarten, den nächsten in die Finger zu bekommen. Vier Folgen waren zu dieser Zeit erschienen. Es sei ein bisschen Fantasy dabei, aber richtig gut geschrieben und vor allem sehr deftig in den Schilderungen, auch der Sex-Szenen. Die Autorin? Mir bis dahin völlig unbekannt: Diana Gabaldon. Die Story: Die (mittlerweile sagenhaft berühmte) "Highland-Saga" um Claire Beauchamps Randall und Jamie Fraser. 

Oha. Fantasy? Nicht mein Ding. Sex-Szenen? Meistens eine Mischung aus zu schwülstig oder zu obszön. Selten wirklich gut geschrieben. Ich zögerte. Aber nun gut. Der Winter war lang. Die Abende auch. Einen Vesuch war's wert. Was soll ich sagen? Es ging mir wie den beiden: Ich kam nicht mehr los von diesen Büchern. Die 800 Seiten des ersten Bandes ("Feuer und Stein") verschlang ich in zwei Tagen. Netterweise hatte mir meine Freundin Band 2 ("Die geliehene Zeit") gleich mitgegeben. Auch diese 992 Seiten – zack, und weg. Auf ex. Ich war angefixt. Süchtig geworden. Nach dieser süffigen Sprache, den intelligenten Dialogen, diesen beiden sympathischen Helden mit ihrer wirklich sagenhaft spannenden Story:

Claire, die im 2. Weltkrieg als Krankenschwester gearbeitet hat, verbringt im Jahr 1946 Ferientage mit ihrem Mann Frank Randall in den schottischen Highlands. Beim Spazierengehen kommt sie einem der dort häufig anzutreffenen Steinkreise nahe, berührt einen der Steine, wird ohnmächtig, und als sie wieder erwacht, befindet sie sich im Schottland des 18. Jahrhunderts, mitten im Schlachtgetümmel schottischer Rebellen. Sie ist – was sie vorher natürlich nicht wusste – eine Zeitreisende, die sich mit Hilfe von Edelsteinen über die Steinkreise 200 Jahre zurückversetzen kann. Dort begegnet sie dem Mann ihres Lebens, einem hochgewachsenen Schotten mit feuerrotem Haarschopf: Jamie. Ein Prachtexemplar von Mann, mit allem, was dazugehört. Sturkopf inklusive. 

Es würde zu lange dauern, hier die ganze Geschichte in all ihren Facetten auszubreiten. Aber eines steht fest: Sie ist ein opulentes Gemälde der damaligen Zeit mit ihren Sitten und Gebräuchen, vor allem aber ihrer Historie. 

Nach den ersten beiden Bänden gab es für mich natürlich kein Halten mehr. Es folgten in zügiger Folge "Ferne Ufer" (1088 Seiten), "Der Ruf der Trommel" (1200 Seiten), und "Das flammende Kreuz" (1280 Seiten). Dann war erstmal Schluss –und ich auf Entzug, weil bis dahin nur diese Bände erschienen waren. Aber die nächste Folge war beim Verlag bereits angekündigt: "Ein Hauch von Schnee und Asche" (1312 Seiten), gefolgt von "Echo der Hoffnung" (1024 Seiten). Und jetzt – im Juli 2014: "Ein Schatten von Verrat und Liebe" (992 Seiten). Kein Wunder, dass dieser Schmöker unverzüglich Platz 1 der SPIEGEL-Bestseller-Liste eroberte und sich seither dort auch hält. 

Natürlich haben diese Bücher auch ihre Schwächen – die größte besteht darin, dass Diana Gabaldon die Geschichte mittlerweile doch sehr in die Länge zieht, sie immer detaillierter auffächert, was dazu führt, dass man leicht mal den Überblick verliert. Wer hat jetzt mit wem und wann und warum...??? Was in den ersten Bänden einen ziemlich großen Zeitraum umfasste und die Story dadurch entsprechend dynamisch machte, dehnt sich jetzt in Band 8 über wenige Jahre. Aber dennoch ist es bewundernswert, wie präzise Diana Gabaldon das ganze Panorama dieses Familienepos in den historischen Zusammenhang stellt und vor ihren LeserInnen ausbreitet. Sie erzählt nicht nur von der Feindschaft zwischen Schottland und England (und ich musste an Jamies Patriotismus und Vaterlandsstolz denken, als ich jüngst in der Zeitung las, dass Schottland sich mal wieder von England lossagen möchte...), sondern auch vom amerikanischen Bürgerkrieg, in den Claire und Jamie verstrickt werden (in Band 8 begegnen sie George Washington...!), wobei dieses Mal nicht Jamie (der sich immer heldenhaft tapfer aus allen Kalamitäten zu befreien weiß), sondern Claire schwerst verwundet wird und nur durch abenteuerliche chirurgische Manöver gerettet werden kann. 

Als Medizin-Journalistin freue ich mich immer wieder an Claires Behandlungskünsten (sie ließ sich in der Welt des 20. Jahrhunderts zur Ärztin ausbilden), wenn sie z. B. einen Wundbrand nach einer dramatischen Amputation mit selbst "gebrautem" Penizillin abwendet! Sehr amüsant zu lesen auch ihre Akupunktur-Therapie gegen Jamies schwere Seekrankheit. Oder der selbst hergestellte Äther als Narkosemittel – damals gänzlich unbekannt und ein Vorgriff auf die Moderne.

Natürlich geht es auch immer wieder um guten Whisky, garniert mit gälischen Flüchen, aber auch um die durchaus vorhandene, sehr romantische Ader der Highlander. Schon immer hatte mich diese raue Landschaft fasziniert, noch nie war ich dort (abgesehen von einer Stippvisite nach Edinburgh). Aber irgendwann wird es mir schon noch gelingen: Dann wandele ich auf den Spuren von Claire und Jamie zum Craigh na Dunn, diesem rätselhaften Steinkreis, wo diese Saga ihren Anfang nahm.  

Viel zu schnell hatte ich mich durch die 992 Seiten von Band 8 durchgefressen. Tröstlich zu wissen: Diana Gabaldon arbeitet bereits an Band 9. So manches wird dann seine Auflösung finden, was bis jetzt noch verrätselt blieb. Und so manches andere wird wohl ungeklärt bleiben, denn es muss ja auch noch Band 10 geben. Und Band 11. Und so weiter. Ich bin gespannt, ob Diana Gabaldon ihre beiden Helden jemals wird sterben lassen können. Es wird mir auf jeden Fall schier das Herz brechen... 

Diana Gabaldon: Ein Schatten von Verrat und Liebe (aus dem Amerikanischen übersetzt von Barbara Schnell, die seit Band 4 zuverlässig die richtigen Worte für Diana Gabaldons kraftvolle Sprache findet), Blanvalet Verlag, 992 Seiten, 24,99 Euro. 

 

Kommentare

 

Antje 09. September 2014, 23:57 Uhr

Bevor ich 2010 für ein Jahr nach Schottland ging, hab ich mir die ersten beiden Bücher zur Einstimmung als Hörbuch zu Gemüte geführt - auf Englisch bzw. Schottisch, mein Hauptinteresse war, mich ein wenig einzuhören, und das hat prima geklappt! Zwei Bücher lang war ich begeistert, aber beim dritten hab ich dann genug gehabt.

 

Kommentieren





Meine Angaben merken.
Benachrichtigen bei Folgekommentaren?