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FrolleinDoktor

Lektüre ohne Risiken, aber mit Nebenwirkungen. Rezeptfrei in Ihrem Internet. Immer wieder zu durchstöbern. Machense sich doch schon mal frei.

November 2018

 

29. November 2018 |

Lektüre für kurze Tage und lange Nächte

Die Adventszeit und die Tage "zwischen den Jahren" sind wie dafür geschaffen, sich stundenlag im Bett, auf dem Sofa, im Sessel oder sonstwo zu lümmeln, ein gutes oder (ent)spannendes oder erheiterndes oder unterhaltsames (Zutreffendes bitte auswählen) Buch zu lesen. Ob haptisch oder elektronisch bleibt jede/r/m selbst überlassen. Ich pflege beides – mal so, mal so. 

Hier ist die ultimative Auswahl für jeden Geschmack. Versteht sich von selbst, dass das auch Geschenkempfehlungen sind – nicht nur zur Weihnachtszeit. Der nächste Geburtstag kommt bestimmt. Und Ostern ist auch nicht mehr so weit ... 

 

Carmen Korn: Töchter einer neuen Zeit | Zeiten des Aufbruchs | Zeitenwende 

Ich wusste schon, warum ich mit dieser Besprechung wartete, bis auch der letzte Band der Trilogie erschienen war: Wenn man erst einmal anfängt, möchte man nicht ein Jahr warten, bis es weitergeht. Und so habe ich alle drei Bände hintereinander weg verschlungen. Die wechselvollen Lebenswege der vier Freundinnen Henny, Käthe, Ida und Lina sind eng miteinander verflochten, und die Autorin schafft es, uns nicht nur vier völlig verschiedene Menschen in ihren Stärken und Schwächen zu schildern, sondern diese privaten Schicksale auch zu einem Sitten- und Gesellschaftsgemälde des 20. Jahrhunderts zu verweben. Carmen Korn bringt uns diese vier Frauen so nahe, dass sie uns selbst zu Freundinnen werden. Und eingesessene HamburgerInnen werden viele Ecken auf der Uhlenhorst und im Grindelviertel wiedererkennen, wo die vier zuhause sind. 

In Band 3 ("Zeitenwende") zieht es sich allerdings manchmal ein bisschen sehr, und vieles erscheint nicht so ganz glaubwürdig, z. B. die Flucht der beiden Männer aus der DDR oder das Auftauchen des italienischen Vaters von Käthes Mann Rudi, der dann zu allem Überfluss auch noch höchst vermögend ist. Auch sind alle Liebschaften immer stabil und von Dauer, die Kinder allesamt wohlgeraten. Und wo es mal richtig brenzlig wird, setzen die Betroffenen ihrem Leben mit eigener Hand ein Ende (Dr. Kurt Landmann, Hennys zweiter Mann Ernst, Linas Lebensgefährtin Louise). 

Dennoch: Diese drei Wälzer sind eine wunderbar süffige Lektüre. Band 1 und 2 sind bereits als Taschenbuch erhältlich und deshalb preiswerter als Band 3. 

Rowohlt Verlag, Reinbek, Taschenbuch (Band 1 und 2) jeweils 10,99 Euro; Hardcover (Band 3) 19,95 Euro. 

 

Brigitte Riebe: Die Schwestern vom Ku'damm: Jahre des Aufbaus

Roman-Trilogien sind offenbar en vogue – diese hier hat ebenfalls das Zeug zum Bestseller. Hier geht es um die drei Schwestern Rike, Silvie und Florentine in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Sie sind Töchter einer Kaufhaus-Dynastie und wollen das Familienunternehmen jetzt neu aufbauen. Aber natürlich sind sie im Berlin der 1950er Jahre mit vielem konfrontiert, was ihren Plänen entgegensteht. Und natürlich lastet auf dem Haus auch ein dunkles Geheimnis ... Ein Roman, wie er sein soll: spannend, unterhaltsam, informativ. Man darf gespannt sein, wie es in Band 2 (erscheint im Sommer 2019) und 3 weitergeht. 

Wunderlich Verlag, Hardcover, 19,95 Euro, E-Book 16,99 Euro

 

Nicolas Remin: Sophies Tagebuch

Selten habe ich ein Buch mit so viel Spannung innerhalb weniger Abende und Nächte verschlungen. Es ist die Geschichte von Erika zur Linde, einer jungen Frau mit einem sehr geordneten, übersichtlichen Leben als Lehrerin, die im Herbst 1989 erfährt, dass ihr Vater sich an seinem Schreibtisch erschossen hat. Beim Aufräumen findet sie das Tagebuch ihrer ebenfalls bereits verstorbenen Mutter Sophie. Was sie darin liest, bringt ihr eigenes Leben gehörig ins Wanken. Ich will hier gar nicht viel vom Inhalt vorwegnehmen. Dieses Buch muss man einfach lesen, lesen, lesen. Es ist spannend von der ersten bis zur letzten Silbe. 

Kindler Verlag, Hardcover 20 Euro, E-Book 16,99 Euro. 

 

Melanie Levensohn: Zwischen uns ein ganzes Leben 

Noch so ein wunderbarer Roman, großartig erzählt. Drei Frauen, die schicksalhaft miteinander verbunden sind, ohne es zu ahnen. Raffiniert und ganz langsam lüftet Melanie Levensohn das Geheimnis, das die drei Frauen verbindet: die Jüdin Judith, die in den Jahren der deutschen Besatzung im 2. Weltkrieg eine große Liebe zu dem Sohn eines Bankers erlebt und plötzlich spurlos verschwindet; die junge Französin Beatrice, die in Washington bei der Weltbank arbeitet, und nicht so richtig weiß, wohin mit sich in der Oberflächlichkeit ihres Alltags und der Sinnentleertheit ihres Jobs; und Jacobina, die verwahrloste Alte, die ihrem sterbenden Vater ein Versprechen gegeben hat, das sie nie einlösen konnte. Bis Beatrice in ihr Leben tritt ... 

Ein Buch, bei dem der Spannungsbogen von der ersten bis zur letzten Seite erhalten bleibt. Man darf gespannt sein, wann die Story verfilmt wird. 

S. Fischer Verlag, Paperback, 16,99 Euro, E-Book 14,99

 

Helene Sommerfeld: Die Ärztin – Das Licht der Welt | Stürme des Lebens 

Jetzt wird es noch süffiger: Eine weitere Romantrilogie, dieses Mal über den Lebensweg der Gärtnerstochter und späteren Ärztin Ricarda Thomasius, die noch in der Schweiz studieren musste, um ihren Beruf überhaupt ergreifen zu können. In Deutschland war es Ende des 19. Jahrhunderts Frauen noch verwehrt, Medizin zu studieren. Spannend und informativ zugleich ist es zu lesen, wie mutige Frauen dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts etwas erkämpft haben, was für uns heute selbstverständlich ist: die gesellschaftliche Emanzipation der Frau. Manches kommt zwar ein bisschen arg schwülstig daher, aber das gehört vielleicht auch zu so einem Schmöker ... 

Band 3 – Die Wege der Liebe – ist bereits in Arbeit und erscheint im Sommer 2019. Jetzt schon vormerken! 

Rowohlt Verlag, Reinbek, jeweils 9,99 Euro (Taschenbuch oder E-Book).

 

Michelle Obama: Becoming 

Dieses Buch war von Anfang an ein Bestseller, die Startauflage betrug 3 Millionen, die Rechte wurden vom Fleck weg in 30 Länder verkauft. Auf ihrer Lesereise füllt Michelle Obama Stadien mit zigtausenden von Zuschauern und -hörern. Mit diesem Buch ist ihr ein Coup ohnegleichen gelungen, nicht nur finanziell (die Millionen aus den Tantiemen wird sie ganz sicher nicht für sich verbrauchen, sondern in Zukunftsprojekte für Kinder und Jugendliche stecken). Denn "Becoming"  ist ein Versprechen, ein Credo, eine Ermutigung an jede(n) einzelne(n). "Leben ist ein Entwicklungsprozess, mit jedem Jahr verändern wir uns und wachsen", sagt sie in einem Interview. "Und ich hoffe, dass ich damit nie aufhören werde. Ich werde immer noch die, die ich bin." Im Englischen klingt das noch schöner: "I am still becoming who I am." 

Aufgewachsen in einem Vorort von Chicago in kleinbürgerlichen Verhältnissen arbeitet sich die intelligente und gewitzte Michelle durch Schule, Highschool und College bis in die Elite-Universitäten von Princeton und Harvard empor. Sie geht als Rechtsanwältin in eine renommierte Sozietät in Chicago, wo sie ihren späteren Mann kennen- und lieben lernt. Bemerkenswert offen und schnörkellos schildert sie ihre Beziehung und die Schwierigkeiten, Kinder zu bekommen, was nur über In-Vitro-Fertilisation gelingt. Sie beschreibt die Entwicklung von Barack zum Politiker aus Leidenschaft, die Kandidatur zur Präsidentschaft (mit der sie anfangs alles andere als einverstanden war) und die acht Jahre im Weißen Haus in Washington. Sie zeigt ganz ungeschminkt ihre Schwierigkeiten, den eigenen Weg zu finden – mit dem Anwaltsdasein ist sie schon bald nicht mehr zufrieden, sie sucht nach anderen Herausforderungen, mit denen sie die Welt ein bisschen besser machen kann. Legendär der Gemüsegarten, den sie im Weißen Haus angelegt hat. Und ihre Kampagnen für bessere Ernährung, vor allem an den Schulen, und für mehr Bewegung – beides zusammen die beste Prophylaxe gegen Zivilisationskrankheiten. Und sie hält nicht hinterm Berg, dass auch sie trotz aller Privilegien ihre Probleme hat beim Spagat zwischen Familie und Beruf. 

Was dieses Buch so wertvoll und so sympathisch macht, ist die Klarheit ihrer Argumentation, ihre Ehrlichkeit und Authentizität. Es ist ein Buch, das jedem Menschen, ob groß oder klein, Mut macht, die eigenen Fähigkeiten wertzuschätzen und freizulegen. Es ist ein Plädoyer dafür, sich nie und nimmer kleinkriegen zu lassen, sich die Rechte zu holen, die jedem Bürger in den USA (und nicht nur dort) verbrieft sind, ganz besonders das Recht auf Bildung. Dass Kinder zur Schule gehen, dass sie lernen, ist für Michelle Obama der Schlüssel für jede erfolgreiche Zukunft.

Zwischen den Zeilen steckt in diesem Buch schon der Präsidentschaftswahlkampf von 2020. Zwar macht sie eindeutig klar, dass sie nicht daran denkt zu kandidieren (wie schade!), wohl aber mobilisiert sie mit diesem Buch alle Zweifler und alle Nörgler und Verzagten dazu, wählen zu gehen und sich nicht für dumm verkaufen zu lassen, keinen Lügen aufzusitzen und Demagogie als solche zu entlarven. Was für eine kraftvolle Botschaft! 

Einen Wermutstropfen gibt es jedoch: Die deutsche Übersetzung lag in den Händen von sage und schreibe sechs ÜbersetzerInnen. Das merkt man dem Buch an. Stil und Sprache sind nicht einheitlich, stellenweise strotz es von Substantivierungen. Offenbar war nicht mehr genügend Zeit für ein qualifiziertes Lektorat, wovon auch zahllose Rechtschreib- und Grammatikfehler zeugen. Schade, dass der Verlag hier nicht mehr Sorgfalt hat walten lassen. 

Goldmann Verlag, München, Hardcover, 26 Euro, 

 

Johanna Romberg: Federnlesen. Vom Glück, Vögel zu beobachten

Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass man über die Leidenschaft, Vögel zu beobachten, ein so spannendes und unterhaltsames Buch schreiben könnte. Aber wem, wenn nicht ihr könnte so etwas gelingen: Johanna Romberg, GEO-Redakteurin und ob ihrer Erzählkunst von mir seit vielen Jahren bewunderte Kollegin. In diesem Buch berichtet sie so anschaulich über Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar, dass ich seither jeden Piepmatz in meinem Garten mit anderen Augen sehe und höre. Wo immer es zwitschert, flötet oder pfeift, frage ich mich jetzt: Welcher Vogel mag das wohl sein? Denn außer Amseln, Singdrosseln und Meisen konnte ich bisher höchstens noch den Kuckuck identifizieren. Inzwischen sind noch einige andere Vogelarten hinzugekommen. 

Gelernt habe ich bei der Lektüre aber auch, in welch alarmierendem Ausmaß unsere Vogel- und Insektenwelt inzwischen bereits durch intensivierte Landwirtschaft dezimiert wurde und weiterhin wird. Seither engagiere ich mich noch entschlossener dagegen. 

Es ist ein Buch, das auf jeden Gabentisch gehört – vor allem den von jungen Menschen, die noch viel dafür tun können, dass uns eine vielfältige Vogelwelt erhalten bleibt. 

Bastei Lübbe Verlag, Hardcover 24 Euro, Taschenbuch 14 Euro, E-Book 17,99 Euro

 

Elsa Frindik-Pierret & Bertrand Lanneau: Drive your Adventure 

Es ist der Traum vieler Menschen aller Altersstufen: einsteigen ins Wohnmobil und losfahren, die Welt erkunden, sich überraschen lassen von dem, was kommen will. Die Kulturmanagerin Elsa Frindik-Pierret und der Hobby-Fotograf Bertrand Lanneau haben es getan. Sechs Monate lang kurvten sie in ihrem Van durch 24 Länder Europas, insgesamt 35.000 km haben sie dabei zurückgelegt. Und damit es andere nachmachen können und nicht die gleichen Fehler machen müssen wie sie, haben sie jetzt ein Buch darüber verfasst. Es ist wunderbar anzuschauen und ebenso amüsant wie informativ zu lesen. Und natürlich enthält es viele, viele Tipps für die schönsten Plätze zum Übernachten und Anhalten, zum Schauen und Staunen. 

Knesebeck Verlag, Klappenbroschur (320 Seiten, 400 Abbildungen), 29,95 Euro. 
Weitere Informationen auch über das Blog der Autoren

 

Manfred Spitzer: Die Smartphone-Epidemie. Gefahren für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft 

Zum Abschluss noch etwas Nachdenkliches. Der Hirnforscher Manfred Spitzer ist seit Jahren bekannt (manche sagen: berüchtigt) dafür, dass er vor den Gefahren der Digitalisierung warnt (siehe auch sein 212 erschienenes Buch "Digitale Demenz"). Sein neues und viertes Buch über die Auswirkungen der elektronischen Medien auf den Menschen, insbesondere auf Kinder und Jugendliche, dreht sich vor allem um die Risiken, die sich mit den Smartphones verbinden. Spitzer betont immer wieder, dass es ihm nicht darum geht, Angst zu machen und Panik zu verbreiten, sondern er möchte, dass die Ergebnisse renommierter Wissenschaftler wahrgenommen und verstanden werden. Denn eines ist unstrittig: Die Medien informieren eben NICHT vollständig über Pro und Contra, über Risiken und Gefahren. 

Gerade das Smartphone hat unser Leben in den vergangenen zehn Jahren massiv verändert. Kaum noch jemand, der ohne auskommt. Gerade deshalb ist dieses Buch heute notwendiger denn je, wo es um Milliardeninvestitionen in die Digitalisierung der Bildungsbereiche geht. Die Forscher haben längst nachgewiesen, dass das "elektronische Klassenzimmer" das Lernen von SchülerInnen eher stört als fördert. Trotzdem trommeln viele PolitikerInnen und Kultusminister dafür, dass Smartphone und Tablet endlich Einzug halten müssten im alltäglichen Schulunterricht. Vielleicht wäre es sinnvoller, erstmal dieses Buch von Manfred Spitzer im Unterricht durchzunehmen. Dann könnten LehrerInnen ebenso wie SchülerInnen besser beurteilen, was sie sich wann und wie digital ins Klassenzimmer holen wollen. 

Klett-Cotta Verlag, Hardcover, 20 Euro 

 

Helga Hammer: Durch alle Zeiten 

Helga Hammer erzählt die Lebensgeschichte von Elisabeth, einer einfachen Frau aus den österreichischen Alpen. Es ist eine Geschichte, wie sie typisch ist für die Nachkriegsgeneration, die noch im Muff der Konventionen der 1950er und 60er-Jahre aufwächst. Erst spät findet sie zu Niklas, ihrer großen Jugendliebe, zurück. Bis dahin hat so ziemlich alle Höhen und Tiefen ausgelotet, die das Leben so mit sich bringen kann. Helga Hammer ist ein großartiger Roman gelungen, der nie ins Triviale abgleitet, sondern von Anfang bis Ende eine große Spannung bewahrt. Das gelingt auch deshalb, weil sie zwei Erzählebenen – Vergangenheit und Gegenwart – miteinander verschmelzen lässt und eine authentische Sprache wählt. Ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen möchte und gerne noch ein zweites Mal liest, weil man all die Fülle beim ersten Mal vor lauter Spannung gar nicht vollumfänglich erfassen kann.  

Ullstein Buchverlage, Hardcover 20 Euro, Taschenbuch 10 Euro

 

 

Juli 2018

 

12. Juli 2018 |

Sommerlektüre

Hier sind meine Leseempfehlungen für die Sommermonate: 

Spannende Erzählungen

Hardy Krüger war mir bisher nur als Schauspieler ein Begriff, und irgendwo waberte was in meiner Erinnerung von einer Farm in Afrika. Stimmt ja auch. Aber dass der inzwischen 90-Jährige ein exzellenter Buchautor ist, hat mich dann doch verblüfft. Und die Lektüre so beeindruckt, dass ich mir gleich auch noch die bereits vergriffenen Bände antiquarisch besorgt habe. 

"Ein Buch von Tod und Liebe" versammelt sechs großartige Erzählungen. Sie sind nicht alle komplett fiktiv, sondern tragen durchaus auch autobiographische Züge. Aber es bleibt immer diffus, was davon nun tatsächlich erlebt wurde und was der Phantasie entsprang. Es sind Geschichten, die nachdenklich stimmen, aber auch heiter. Auf jeden Fall sind sie ein Lesegenuss der Sonderklasse. Und machen süchtig. Siehe oben. 

Deshalb folgt gleich noch eine zweite Empfehlung: In "Was das Leben sich erlaubt" beschreibt der engagierte Demokrat seine Erfahrungen aus Kindheit und Jugend in Nazi-Deutschland, die Grausamkeiten des Krieges und die Sprachlosigkeit der Generation, die diese Greuel erleben musste. Gerade heute, wo der Rechtsradikalismus in ganz Europa, vor allem aber auch in Deutschland wieder auflebt, sollte dieses Buch in der Oberstufe der Schulen Pflichtlektüre sein. 

Hardy Krüger: Ein Buch von Tod und Liebe. Verlag Hoffmann und Campe, 176 Seiten, 18 Euro. 
Bestellen beim Verlag

Hardy Krüger: Was das Leben sich erlaubt. Verlag Hoffmann und Campe (gebundene Ausgabe), 224 Seiten, 15 Euro.
Bestellen beim Verlag.
Taschenbuchausgabe im Goldmann Verlag, 240 Seiten, 10 Euro

 

Die Geschichte einer Kaufhausdynastie

Wie spektakulär ein Kaufhaus Anfang des 20. Jahrhunderts war, ist uns heute kaum noch bewusst. Damals blühten ganze Dynastien auf und bauten die schönsten Konsumtempel mit Glaskuppeln und edlen Abteilungen. "Das Haus der schönen Dinge" erzählt die fiktive Geschichte der jüdischen Familie Hirschvogl in München, die – ausgehend von dem Status eines Hoflieferanten – ein solches Kaufhaus gründete. In den 1920er Jahren gibt der Patron die Führung des Hauses an seine kaufmännisch begabte Tochter ab, die dann jedoch erleben muss, wie sich die Nazis ihres Familienerbes bemächtigen. Aber ihr Überlebenswille ist ungebrochen ... Heidi Rehn hat einen sorgfältig recherchierten Schmöker geschrieben, in dessen Mittelpunkt mutige Frauen stehen. 

Heidi Rehn: Das Haus der schönen Dinge. Knaur Taschenbuch, 656 Seiten, 9,99 Euro. Bestellen beim Verlag.

 

Die heimliche Liebe von Edvard Munch

Eine Sommerfrische in Norwegen Ende des 19. Jahrhunderts. Ein junges Mädchen wird als Dienstmädchen im Hause eines Admirals verpflichtet. Sie freundet sich mit der impulsiven und freiheitsliebenden Tochter des Hausherrn an, die eine Amour fou zu dem damals noch unbekannten Maler Edvard Munch beginnt. Der Künstler wird von der Dorfbevölkerung wegen seines ausschweifenden Lebensstils geächtet – aber gerade den findet die Admiralstochter so anziehend. In "Das Erdbeermädchen" erzählt Lisa Stromme nicht nur die Geschichte eines künstlerisch begabten Dienstmädchens aus ärmlichem Hause, sondern vor allem die tiefe Freundschaft zweier Frauen, die einander nie im Stich lassen. 

Lisa Stromme: Das Erdbeermädchen. Heyne Verlag, 352 Seiten, 10,99 Euro.
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Eine Ostpreußen-Saga in drei Bänden 

Die Schicksale der großen Güter in Ostpreußen und ihrer Familien hat schon Stoff für viele Romane gegeben – hier sind drei weitere. Erzählt wird die Geschichte der Familie zu Putlitz, hier in Person der Frederike von Weidenfels, die eigentlich Wilfried von Plato heißt und die Mutter von Gebhard Gans Edler zu Putlitz ist. Ulrike Renk hat diese Familiengeschichte zu einer dreibändigen Saga verarbeitet. Wer ostpreußische Schicksalsromane mag, wird hier reich bedient. Allerdings hätte das Lektorat diverse Stilblüten doch besser getilgt. Sätze wie "Ihr Herz war ein junger Specht im Buchenwald und klopfte wie wild" oder "In ihrem Bauch schien ein ganzer Bienenschwarm zu summen" sind dann doch ein bisschen zu viel des Schwulstes und trüben den Lesegenuss. 

Ulrike Renk: Das Lied der Störche. Die Jahre der Schwalben. Die Zeit der Kraniche. Aufbau Verlag, jeweils 510-560 Seiten, jeweils 12,99 Euro.
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Eine Kindheit in den Sechziger Jahren

Annemarie wächst in den 1960er Jahren auf einem einsam gelegenen Hof in einem katholisch geprägten Nest am Niederrhein auf. Die meist zerstrittenen Eltern halten mühsam die Fassade einer heilen Familie aufrecht, die Tante hat reich geheiratet, zerbricht aber an der Kälte ihres Gatten, der gerne kleinen Mädchen nachstellt, der Bruder wurde aus dem Haus gejagt, weil er dem Vater unangenehme Fragen über dessen Nazi-Vergangenheit stellte. Hiltrud Leenders schildert in diesem Buch auf beklemmende Weise die Atmosphäre der Nachkriegsjahre und des beginnenden Wirtschaftswunder


Hiltrud Leenders: Pfaffs Hof. Rowohlt Taschenbuch, 256 Seiten, 10,99 Euro. 
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Ein Frauenschicksal Anfang des 20. Jahrhunderts 

Martha, Tochter eines Kapellmeisters in Pommern, geht an die damals revolutionär neue Bauhaus-Kunstschule nach Weimar. Sie entdeckt ihre Liebe fürs Tanzen und erringt sich damit den Respekt der Bauhaus-Künstler Lyonel Feininger, Paul Klee, Walter Gropius, Wasily Kandinsky und anderer. Als die Nazis die Schule schließen, kehrt Martha nach Pommern zurück, ein Kind im Arm und in der Tasche ein Notizbuch mit Skizzen und Zeichnungen der Bauhaus-Freunde. Tom Saller erzählt Marthas Geschichte aus der Sicht von Marthas Urenkel Thomas Wetzlaff, der das Skizzenbuch im Nachlass seiner Großmutter Hedi, Marthas Tochter, entdeckt und es bei Sotheby's in New York 2001 versteigern lässt und dabei eine verblüffende Überraschung erlebt ... Ein packender Debüt-Roman aus Anlass des 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums. 

Tom Saller: Wenn Martha tanzt. Ullstein Verlag, 288 Seiten, 20 Euro. 
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Ein jüdisches Frauenleben im 20. Jahrhundert

Sie ist hübsch, frech und mutig: Gudrun Samuel wächst behütet in Mainz auf und verdreht nicht nur einem Mann den Kopf. Als die Nazis an die Macht kommen, verlässt sie Deutschland mit gefälschten Papieren, wird aber von der Gestapo gefasst und kommt in Haft. Ihr gelingt die Flucht, und so schlägt sie sich über die transsibirische Eisenbahn bis nach Shanghai durch, wo sie im Judenghetto landet und erneut um ihr Überleben kämpfen muss. Sabine Bode hat mit "Das Mädchen im Strom" ein großartiges Portrait einer Frau geschrieben, die in ihrem Leben viele Verluste erleidet und doch nie aufgibt. Es habe sie vor allem interessiert, sagt die Autorin, "wie man die Selbstachtung bewahrt in Zeiten der Willkürherrschaft". Gudrun Samuel zeigt, wie das geht. 

Sabine Bode: Das Mädchen im Strom. Klett Cotta Verlag, 350 Seiten, 20 Euro.
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Das Mädchen aus der Wüste 

1898 wird mitten in der australischen Wüste ein Mädchen gefunden und kurz vor dem Verdursten gerettet. Leonora wächst im Waisenhaus auf und entwickelt eine innige Freundschaft zu dem gleichaltrigen James. Doch dann wird das Waisenhaus aufgelöst und die Kinder auf verschiedene Familien verteilt. James wird von irischen Verwandten auf deren Farm geholt, während Leonora in eine reiche Familie in den USA gerät. Als Ehefrau eines reichen Minenbesitzers kehrt sie nach Australien zurück, und es kommt wie es kommen muss: Sie verlässt den ungeliebten Gatten, denn natürlich gibt es ein schicksalhaftes Zusammentreffen mit James, das unausweichlich dazu führt, dass die beiden doch noch zusammenkommen. Herz-Schmerz at its best! 

Harmony Verna: Das Land der roten Sonne. Aufbau Verlag, 528 Seiten, 12,99 Euro
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Tagebücher eines außergewöhnlichen Lebens

Zum Schluss noch ein Schwergewicht, das sich aber wegen der grandiosen Erzählkunst des Autors wegliest wie nichts: "Spiel mit dem Schicksal" fasst die Tagebücher von Tiziano Terzani zusammen, die seine Frau Angela nach seinem Tod beim Aufräumen seines Büros gefunden hat. Terzani hat in diesen Tagebüchern alles festgehalten, was ihn bewegt hat: Begegnungen, Eindrücke, Überlegungen, Interviews, Hintergründe, Spaziergänge, Tiere, Sonnenauf- und -untergänge, Briefe an die Familie ... Sie sind ein hinreißendes Dokument der Zeitgeschichte, vor allem aber der Beobachtungsgabe eines grandiosen Journalisten und Erzählers, der, so seine Witwe, "unzeitgemäß, doch königlich in seiner Erscheinung" war, "demütig nur vor schönen Dingen." Ein Buch, das in keinem Bücherregal fehlen darf. 

Tiziano Terzani: Spiel mit dem Schicksal. Tagebücher eines außergewöhnlichen Lebens. Deutsche Verlags Anstalt, 576 Seiten, 22,99 Euro (auch als Taschenbuch erhältlich) 
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