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FrolleinDoktor

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Juli 2018

 

12. Juli 2018 |

Sommerlektüre

Hier sind meine Leseempfehlungen für die Sommermonate: 

Spannende Erzählungen

Hardy Krüger war mir bisher nur als Schauspieler ein Begriff, und irgendwo waberte was in meiner Erinnerung von einer Farm in Afrika. Stimmt ja auch. Aber dass der inzwischen 90-Jährige ein exzellenter Buchautor ist, hat mich dann doch verblüfft. Und die Lektüre so beeindruckt, dass ich mir gleich auch noch die bereits vergriffenen Bände antiquarisch besorgt habe. 

"Ein Buch von Tod und Liebe" versammelt sechs großartige Erzählungen. Sie sind nicht alle komplett fiktiv, sondern tragen durchaus auch autobiographische Züge. Aber es bleibt immer diffus, was davon nun tatsächlich erlebt wurde und was der Phantasie entsprang. Es sind Geschichten, die nachdenklich stimmen, aber auch heiter. Auf jeden Fall sind sie ein Lesegenuss der Sonderklasse. Und machen süchtig. Siehe oben. 

Deshalb folgt gleich noch eine zweite Empfehlung: In "Was das Leben sich erlaubt" beschreibt der engagierte Demokrat seine Erfahrungen aus Kindheit und Jugend in Nazi-Deutschland, die Grausamkeiten des Krieges und die Sprachlosigkeit der Generation, die diese Greuel erleben musste. Gerade heute, wo der Rechtsradikalismus in ganz Europa, vor allem aber auch in Deutschland wieder auflebt, sollte dieses Buch in der Oberstufe der Schulen Pflichtlektüre sein. 

Hardy Krüger: Ein Buch von Tod und Liebe. Verlag Hoffmann und Campe, 176 Seiten, 18 Euro. 
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Hardy Krüger: Was das Leben sich erlaubt. Verlag Hoffmann und Campe (gebundene Ausgabe), 224 Seiten, 15 Euro.
Bestellen beim Verlag.
Taschenbuchausgabe im Goldmann Verlag, 240 Seiten, 10 Euro

 

Die Geschichte einer Kaufhausdynastie

Wie spektakulär ein Kaufhaus Anfang des 20. Jahrhunderts war, ist uns heute kaum noch bewusst. Damals blühten ganze Dynastien auf und bauten die schönsten Konsumtempel mit Glaskuppeln und edlen Abteilungen. "Das Haus der schönen Dinge" erzählt die fiktive Geschichte der jüdischen Familie Hirschvogl in München, die – ausgehend von dem Status eines Hoflieferanten – ein solches Kaufhaus gründete. In den 1920er Jahren gibt der Patron die Führung des Hauses an seine kaufmännisch begabte Tochter ab, die dann jedoch erleben muss, wie sich die Nazis ihres Familienerbes bemächtigen. Aber ihr Überlebenswille ist ungebrochen ... Heidi Rehn hat einen sorgfältig recherchierten Schmöker geschrieben, in dessen Mittelpunkt mutige Frauen stehen. 

Heidi Rehn: Das Haus der schönen Dinge. Knaur Taschenbuch, 656 Seiten, 9,99 Euro. Bestellen beim Verlag.

 

Die heimliche Liebe von Edvard Munch

Eine Sommerfrische in Norwegen Ende des 19. Jahrhunderts. Ein junges Mädchen wird als Dienstmädchen im Hause eines Admirals verpflichtet. Sie freundet sich mit der impulsiven und freiheitsliebenden Tochter des Hausherrn an, die eine Amour fou zu dem damals noch unbekannten Maler Edvard Munch beginnt. Der Künstler wird von der Dorfbevölkerung wegen seines ausschweifenden Lebensstils geächtet – aber gerade den findet die Admiralstochter so anziehend. In "Das Erdbeermädchen" erzählt Lisa Stromme nicht nur die Geschichte eines künstlerisch begabten Dienstmädchens aus ärmlichem Hause, sondern vor allem die tiefe Freundschaft zweier Frauen, die einander nie im Stich lassen. 

Lisa Stromme: Das Erdbeermädchen. Heyne Verlag, 352 Seiten, 10,99 Euro.
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Eine Ostpreußen-Saga in drei Bänden 

Die Schicksale der großen Güter in Ostpreußen und ihrer Familien hat schon Stoff für viele Romane gegeben – hier sind drei weitere. Erzählt wird die Geschichte der Familie zu Putlitz, hier in Person der Frederike von Weidenfels, die eigentlich Wilfried von Plato heißt und die Mutter von Gebhard Gans Edler zu Putlitz ist. Ulrike Renk hat diese Familiengeschichte zu einer dreibändigen Saga verarbeitet. Wer ostpreußische Schicksalsromane mag, wird hier reich bedient. Allerdings hätte das Lektorat diverse Stilblüten doch besser getilgt. Sätze wie "Ihr Herz war ein junger Specht im Buchenwald und klopfte wie wild" oder "In ihrem Bauch schien ein ganzer Bienenschwarm zu summen" sind dann doch ein bisschen zu viel des Schwulstes und trüben den Lesegenuss. 

Ulrike Renk: Das Lied der Störche. Die Jahre der Schwalben. Die Zeit der Kraniche. Aufbau Verlag, jeweils 510-560 Seiten, jeweils 12,99 Euro.
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Eine Kindheit in den Sechziger Jahren

Annemarie wächst in den 1960er Jahren auf einem einsam gelegenen Hof in einem katholisch geprägten Nest am Niederrhein auf. Die meist zerstrittenen Eltern halten mühsam die Fassade einer heilen Familie aufrecht, die Tante hat reich geheiratet, zerbricht aber an der Kälte ihres Gatten, der gerne kleinen Mädchen nachstellt, der Bruder wurde aus dem Haus gejagt, weil er dem Vater unangenehme Fragen über dessen Nazi-Vergangenheit stellte. Hiltrud Leenders schildert in diesem Buch auf beklemmende Weise die Atmosphäre der Nachkriegsjahre und des beginnenden Wirtschaftswunder


Hiltrud Leenders: Pfaffs Hof. Rowohlt Taschenbuch, 256 Seiten, 10,99 Euro. 
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Ein Frauenschicksal Anfang des 20. Jahrhunderts 

Martha, Tochter eines Kapellmeisters in Pommern, geht an die damals revolutionär neue Bauhaus-Kunstschule nach Weimar. Sie entdeckt ihre Liebe fürs Tanzen und erringt sich damit den Respekt der Bauhaus-Künstler Lyonel Feininger, Paul Klee, Walter Gropius, Wasily Kandinsky und anderer. Als die Nazis die Schule schließen, kehrt Martha nach Pommern zurück, ein Kind im Arm und in der Tasche ein Notizbuch mit Skizzen und Zeichnungen der Bauhaus-Freunde. Tom Saller erzählt Marthas Geschichte aus der Sicht von Marthas Urenkel Thomas Wetzlaff, der das Skizzenbuch im Nachlass seiner Großmutter Hedi, Marthas Tochter, entdeckt und es bei Sotheby's in New York 2001 versteigern lässt und dabei eine verblüffende Überraschung erlebt ... Ein packender Debüt-Roman aus Anlass des 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums. 

Tom Saller: Wenn Martha tanzt. Ullstein Verlag, 288 Seiten, 20 Euro. 
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Ein jüdisches Frauenleben im 20. Jahrhundert

Sie ist hübsch, frech und mutig: Gudrun Samuel wächst behütet in Mainz auf und verdreht nicht nur einem Mann den Kopf. Als die Nazis an die Macht kommen, verlässt sie Deutschland mit gefälschten Papieren, wird aber von der Gestapo gefasst und kommt in Haft. Ihr gelingt die Flucht, und so schlägt sie sich über die transsibirische Eisenbahn bis nach Shanghai durch, wo sie im Judenghetto landet und erneut um ihr Überleben kämpfen muss. Sabine Bode hat mit "Das Mädchen im Strom" ein großartiges Portrait einer Frau geschrieben, die in ihrem Leben viele Verluste erleidet und doch nie aufgibt. Es habe sie vor allem interessiert, sagt die Autorin, "wie man die Selbstachtung bewahrt in Zeiten der Willkürherrschaft". Gudrun Samuel zeigt, wie das geht. 

Sabine Bode: Das Mädchen im Strom. Klett Cotta Verlag, 350 Seiten, 20 Euro.
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Das Mädchen aus der Wüste 

1898 wird mitten in der australischen Wüste ein Mädchen gefunden und kurz vor dem Verdursten gerettet. Leonora wächst im Waisenhaus auf und entwickelt eine innige Freundschaft zu dem gleichaltrigen James. Doch dann wird das Waisenhaus aufgelöst und die Kinder auf verschiedene Familien verteilt. James wird von irischen Verwandten auf deren Farm geholt, während Leonora in eine reiche Familie in den USA gerät. Als Ehefrau eines reichen Minenbesitzers kehrt sie nach Australien zurück, und es kommt wie es kommen muss: Sie verlässt den ungeliebten Gatten, denn natürlich gibt es ein schicksalhaftes Zusammentreffen mit James, das unausweichlich dazu führt, dass die beiden doch noch zusammenkommen. Herz-Schmerz at its best! 

Harmony Verna: Das Land der roten Sonne. Aufbau Verlag, 528 Seiten, 12,99 Euro
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Tagebücher eines außergewöhnlichen Lebens

Zum Schluss noch ein Schwergewicht, das sich aber wegen der grandiosen Erzählkunst des Autors wegliest wie nichts: "Spiel mit dem Schicksal" fasst die Tagebücher von Tiziano Terzani zusammen, die seine Frau Angela nach seinem Tod beim Aufräumen seines Büros gefunden hat. Terzani hat in diesen Tagebüchern alles festgehalten, was ihn bewegt hat: Begegnungen, Eindrücke, Überlegungen, Interviews, Hintergründe, Spaziergänge, Tiere, Sonnenauf- und -untergänge, Briefe an die Familie ... Sie sind ein hinreißendes Dokument der Zeitgeschichte, vor allem aber der Beobachtungsgabe eines grandiosen Journalisten und Erzählers, der, so seine Witwe, "unzeitgemäß, doch königlich in seiner Erscheinung" war, "demütig nur vor schönen Dingen." Ein Buch, das in keinem Bücherregal fehlen darf. 

Tiziano Terzani: Spiel mit dem Schicksal. Tagebücher eines außergewöhnlichen Lebens. Deutsche Verlags Anstalt, 576 Seiten, 22,99 Euro (auch als Taschenbuch erhältlich) 
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März 2018

 

09. März 2018 |

Die Schimpansen-Frau: Jane Goodall

"Allmählich war ich in der Lage, weiter und weiter in eine magische Welt einzudringen, die noch kein Mensch zuvor erkundet hatte: Die Welt der wilden Schimpansen." Jane Goodall

Jane Goodall mit Flint, dem Sohn der Schimpansin Flo, zu der sie eine besondere Beziehung entwickelte.

In diesen Tagen kommt ein bemerkenswerter Film über eine bemerkenswerte Frau in die Kinos: "Jane", ein Dokumentarfilm über die Schimpansen-Forscherin Jane Goodall. Der Regisseur Brett Morgen erzählt die Geschichte der weltbekannten Spezialistin von den ersten Anfängen in Tansania 1960 bis 1991, als sie das Roots & Shoots Jugendarbeits- und Aktionsprogramm gründet. Heute führen die mittlerweille 83-Jährige Vortragsreisen rund um die Welt. Seit 2002 ist Jane Goodall Friedensbotschaftterin der UNO. 

Das Faszinierende an diesem Film ist, dass er aus mehr als 100 Stunden bisher unveröffentlichtem Filmmaterial zusammengestellt wurde, das über 50 Jahre in den Archiven von National Geographic. Man sieht, wie Jane durch die Wälder streift, auf der Suche nach den scheuen Schimpansen. Wie sie mit unglaublicher Geduld immer und wieder auf sie wartet, bis die Menschenaffen sich so an diesen weißen Artgenossen gewöhnt haben, dass sie zutraulich wurden und immer näher herankamen, bis sie keine Scheu mehr kannten. Sie sagt über diese Zeit: "Ich wurde völlig in diese Wald-Existenz hineingesogen. Es war eine unvergleichliche Zeit. Als Alleinesein eine Lebensweise war." 

Jane Goodall hat als 26-Jährige in der Wildnis geforscht, zu einer Zeit, als das für Frauen mehr als ungewöhnlich war, noch dazu ohne Universitätsabschluss – wohl aber mit den besten Voraussetzungen für ein derart unbeackertes Feld wie die Primatenforschung: Neugier, Geduld, Sorgfalt, Detailgenauigkeit und vor allem eine unendliche Liebe zu den Tieren und der Natur. Ihre Beobachtung, dass Schimpansen Grashalme als Werkzeuge gebrauchen, um Termiten aus ihren Löchern zu pulen, macht weltweit Schlagzeilen. Ihre Entdeckungen veränderten den Blick auf die Tiere, auf die Welt. 

Hugo van Lawick in Tansania in Janes Schimpansen-Station in Gombe in Tansania.

Der Film dokumentiert auch die Liebe zwischen Jane und dem holländischen Tierfilmer Hugo van Lawick, den National Geographic 1962 zu ihr nach Tansania schickt, um ihre Arbeit zu dokumentieren. Die beiden heiraten 1964 und bekommen 1967 einen Sohn – Grub –, der heute als Bootsbauer in Dar es Salaam lebt. Aber Anfang der 1970er Jahre streicht National Geographic ohne nähere Angabe von Gründen den Auftrag an Hugo, er muss sich andere Betätigungsfelder suchen und arbeitet nun vorwiegend in der Serengeti. Als eine Polio-Epidemie unter den Schimpansen rund um Janes Station ausbricht, muss Jane zurück zu ihrer Station. Kurze Zeit später trennt sich die Herde in zwei Teile, und zwischen beiden bricht Krieg aus, aus dem nur eine Gruppe als Sieger hervorgeht. Es sind Ereignisse, die Jane zutiefst erschüttern, und ihr ist klar, dass es für sie nur ein Zuhause geben kann: ihre Station. Die beiden lassen sich scheiden, bleiben aber bis zum Tod Hugo van Lawicks 2002 befreundet. 

Jane Goodall und Hugo van Lawick bei der Arbeit.

Dieser Film zeigt auf ebenso schlichte wie bewegende Weise das Lebensmotto Jane Goodalls: "Ich bin eine ganz normale Person, die tut, was sie immer wollte: Draußen im Freien sein, unter den Sternen schlafen, die Tiere beobachten. Ist das möglich? Kann das wirklich ich sein? Ich habe es geschafft. Die Berge und Wälder sind mein Zuhause." Sie sagt weiter: "Zusammen formten die Schimpansen, die Vögel, die Insekten, das wimmelnde Leben des lebhaften Waldes, ein Ganzes. Alle waren Teil des großen Mysteriums. Und ich auch. Die ganze Zeit kam ich den Tieren und der Natur näher und so auch näher zu mir selbst und war im Einklang mit der spirituellen Macht, die ich überall fühlte." 

Das einzige, was mich an dem Film gestört hat – nicht ständig, aber immer wieder, vor allem in den Passagen mit großem Orchester –, war die Musik von Philip Glass, einem Komponisten, den ich ansonsten ungemein schätze. Aber hier drängt sich die Musik manchmal so dazwischen, übertönt die ruhigen Landschafts- und Tieraufnahmen, dass es mir teilweise schmerzlich unangenehm war. 

Jane Goodall mit "David Greybeard", dem männlichen Schimpansen, der als erster seine Scheu verlor und Kontakt mit ihr aufnahm. 

Nichtsdestotrotz: Brett Morgen ist mit diesem Film ein wunderbar sensibles, intimes Portrait einer großartigen Frau gelungen, dem viele, viele Zuschauer zu wünschen sind. Und es ist ein Film, den man gut und gerne mit der ganzen Familie anschauen kann. 

Weitere Informationen: Jane, der Film

Fotos: Copyright Jane Goodall Institute

 

 

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