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November 2019

 

02. November 2019 |

Mariss Jansons – der Magier

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Rudolf Buchbinder in der Elbphilharmonie 

Rudolf Buchbinder und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons am 29. Oktober 2019 im Großen Saal der Elbphilharmonie. Foto: Daniel Dittus

Was für ein rührendes Bild gleich zu Beginn: Zwei kleine alte Herren, leicht gebeugt schon, aber von erkennbar unbeugsamer Würde, betreten mit kleinen, fast etwas unsicher wirkenden Schritten die Bühne des Großen Saals der Elbphilharmonie. Es sind Rudolf Buchbinder, 73 Jahre alter in Tschechien geborener österreichischer Pianist, und Mariss Jansons, 76 Jahre, der Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Und dann strafen die beiden jegliche Gebrechlichkeit Lügen, denn welche Kraft und Lebendigkeit entfaltet sich hier schon vom ersten Ton an!

Zu Beginn stand das Klavierkonzert A-Dur KV 488 von Wolfgang Amadeus Mozart auf dem Programm, eines seiner bekanntesten und meistgespielten Werke. Buchbinder und das Orchester spielen diese delikate Komposition ausgesprochen unprätentiös, ohne jegliche Manieriertheit, aber doch mit dem nötigen Schmelz, vor allem im Adagio und mit der jubelnden Freude im Allegro assai, dem Schlusssatz. Da passt alles perfekt zueinander. Und Buchbinder bedankt sich für den langanhaltenden Beifall mit einem Stück von Johann Sebastian Bach, in dem er alle seine Fingerfertigkeit noch einmal voll entfalten kann. 

Nach der Pause dann die 10. Sinfonie E-Moll op. 93 von Dmitri Schostakowitsch, entstanden nach dem Tode Stalins, der Schostakowitsch das Leben zur Hölle gemacht hat. Und so ist diese Sinfonie eine Abrechnung und ein Befreiungsschlag zugleich, sie durchmisst alle Höhen und Tiefen, allen Jubel, dass der Peiniger endlich in der Hölle schmort, aber auch alle Verzweiflung, die der Komponist zu seinen Lebzeiten durchlitten hat.

Vor allem im zweiten Satz, in dem Schostakowitsch die Gräuel des 2. Weltkriegs in tosende Tonfolgen umsetzt, kann dieser Saal seine gesamte Klangpracht entfalten, weil das Orchester seine Akustik zu nutzen versteht – dieses Volumen und zugleich diese Transparenz! Nicht minder bewegend die leisen, ruhigen Stellen im dritten und vierten Satz, in denen Holz- und Blechbläser ihre Instrumente erblühen lassen und die Streicher mit einem Strich die Bogen führen. 

Die Musiker spielen, als gäbe es kein Morgen. Sie folgen ihrem Chefdirigenten so schmiegsam, dass eine kleine Regung der Finger genügt, um den Klang zu erzeugen, den sich der kleine, zarte, aber doch so energiegeladene Mann am Pult wünscht. Von seinen Händen geht eine Weisheit aus, die sich selten so zeigt. Und der ganze Große Saal atmet mit – es ist eine selten zu erlebende Einigkeit, die aus dem Publikum und den Musikern ein Ganzes schmiedet. 

Es ist ein denkwürdiger Abend, der mit Standing Ovations endet, mit einem erkennbar glücklichen Dirigenten, ebenso zufriedenen Musikern und einem Publikum, das reicht beschenkt den Heimweg antritt. Was für ein Erlebnis! 

 

Nachtrag am 1. Dezember 2019: Soeben kam die Nachricht, dass Mariss Jansons heute gestorben ist. Was für ein Verlust. Und was für ein Glück, dass der Norddeutsche Rundfunk das oben besprochene Konzert aufgezeichnet hat und am 1. Januar 2020 zum Neujahrstag auf NDR Kultur senden wird. Es ist vielleicht das letzte gewesen, das Mariss Jansons noch dirigiert hat. Er wird fehlen. 

 

 

 

Mai 2019

 

26. Mai 2019 |

Absurdes Theater und brausende Klänge

Zwei großartige Konzerte im Rahmen des Hamburger Musikfestes: "Le Grand Macabre" von György Ligeti und die Orgelkonzert-Matinee mit Iveta Apkalna

 

Die Szenerie von oben (Foto: Peter Hundert) 

Was für ein virtuoses Spektakel! "Le Grand Macabre", diese abgefahrene Oper von György Ligeti (1923-2006) an drei Abenden (10., 12. und 13. Mai) im Großen Saal der Elbphilharmonie! Dabei war die Skepsis groß: Würde es  gelingen, dieses revueartige Musiktheater, das bisher ausschließlich auf Guckkasten-Bühnen gezeigt wurde, im Weinberg-Ambiente der Elbphilhamonie zu positionieren?

Heidi Melton als Mescalina (Foto: Peter Hundert) 

Um es vorwegzunehmen: Es gelang phantastisch! Endlich nutzte die Regie die Möglichkeiten des Saales genussvoll aus, die Sänger – vor allem der Chor wanderte von Stockwerk zu Stockwerk, zeigte sich – ebenso wie einige der Sänger*innen – mal hier, mal da oder auch in der ganzen Runde – Dolby-Surround-Feeling galore! 

Anthony Roth Costanzo als Fürst Go-Go (Foto: Peter Hundert) 

Diese Oper ist Spaß pur, mit ihrer absurden Handlung und den überzeichneten Figuren:

  • der betrunkene Weinschmecker Piet vom Fass (!)
  • der "personifizierte Tod" Nekrotzar (der den bevorstehenden Weltuntergang durch einen Kometeneinschlag verkündet)
  • das schräge Liebespaar Amando (eine Hosenrolle für Mezzosopran) und Amanda, die – wenn es nach Ligeti gegangen wäre – eigentlich "Klitora" und Spermando" geheißen hätten ... 
  • den Hofastrologen und Messie Astradamors und seine füllige, liebestolle Gattin Mescalina (Mescalin war die Modedroge der 1930er Jahre), beide dem Sado-Maso verfallen 
  • der infantile Fürst Go-Go, Herrscher über Breughelland (!), besetzt mit einem Countertenor 
  • die zwei Minister, die ihn nach Strich und Faden tyrannisieren, Vertretern der schwarzen und weißen Partei 
  • der Chef der Geheimen Politischen Polizei Gepopo, eine Hosenrolle für Sopran mit atemberaubenden Kieksern und abgründigen Melodiebögen.

Werner van Mechelen als Nekrotzar (Foto: Peter Hundert)

Schon daran wird deutlich, was für eine Groteske sich Ligeti hier ausgedacht hat, die in bester Tradition der Karneval- und Lachkultur alles auf den Kopf stellt. 

Audrey Luna als Chef der Gepopo (Foto: Peter Hundert)

Alan Gilbert, der künftige Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie-Orchesters, führte die Musiker mit sicherer Hand durch die Untiefen der schwierigen Partitur – und hatte auch die Sänger immer im Blick, während Doug Fitch, der für Regie, Szenografie und Projektionen verantwortlich zeichnete, als eine Art Souffleur fungierte. Das war Teamwork at its best und einfach ein Genuss auf der ganzen Linie. 

Und dann noch einmal Ligeti: bei der Orgelkonzert-Matinee mit Iveta Apkalna (Foto links) am 26. Mai. Hier standen aber nicht die sonst üblichen Barock-Werke für Orgel auf dem Programm, sondern noch einmal Ligeti, umrahmt von weiteren Komponisten des 20. Jahrhunderts: Lionel Rogg (geb. 1936), Sofia Gubaidulina (geb. 1931) – die beim Musikfest 2020 im Zentrum stehen wird, Bronius Kutavicius (geb. 1932) und Airvars Kalejs (geb. 1951), beide feste Größen im Musikleben Lettlands, von wo auch die Titularorganistin selbst stammt. 

Iveta Apkalna versteht es, den 4.765 Pfeifen dieser Orgel, "die alles kann" (wie sie selbst sagt), ebenso berückend leise wie brausend laute Töne zu entlocken – so dass dieses Instrument, das sich fast über die ganze Höhe des Großen Saales erstreckt (Foto rechts) ganz neu und einzigartig erfahrbar wird. Die Zuhörer*innen baden förmlich im Klang – er wird nicht nur hör-, sondern auch fühlbar. 

Die Pfeifen der Orgel verbergen sich teilweise hinter dem Spitzenvorhang der durchbrochenen "weißen Haut". 

In der kommenden Saison bietet sich noch einmal eine sehr besondere Gelegenheit, das Volumen und die Möglichkeiten der Klais-Orgel zu erfahren: Dann nämlich, wenn Kevin Bowyer am 15. September im Rahmen eines Sonderkonzerts die achtstündige (!) Orgelsinfonie Nr. 2 von Kaikhosru Sorabji spielen wird – er ist einer der wenigen, dieses Mammutkonzert überhaupt auf die Bühne bringen können. Karten dafür sind ab dem 20. Juni unter www.elbphilharmonie.de erhältlich. 

 

 

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